Aufsatz 
Geschichte des Großherzoglichen Gymnasiums zu Darmstadt : Festschrift zur Feier des 250jährigen Jubiläums dieser Schule am 23. und 24. April 1879 / Von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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X. Muſikaliſcher Anterricht und Singchor.

Der vierte Lehrer oder Cantor war von der Gründung des Paedagogs an ein Theologe, dem die Ertheilung des Unterrichts im Latein im Anſchluß an die Stadtſchule, ſowie die Leitung und Einübung des Kirchengeſangs übertragen war. Ebenſo hatte derſelbe den Singchor(anderwärts Currende genannt) einzuüben, wofür er gewiſſe Gebühren bezog. Im Laufe der Zeit ſcheint die muſikaliſche Befähigung in den Vordergrund getreten zu ſein, ſo daß bei Erledigung der Cantorſtelle im Jahre 1718 der zum Bericht über verſchiedene Candidaten(ein Candidat der Theologie, H. C. Lottermann aus Mühlhauſen in Thüringen, offerirt ſeine Dienſte,nicht zweifelnd, Ew. Hochfürſtliche Durchlaucht werden nach Dero weitberühmter Clemens, mir als einem ohnedem verlaſſenen und in der Fremode ſich auffhaltenden Wayſen dieſe Hochfürſtliche Gnade in Conferirung obgedachter Stelle mir vor andern angedeyen laſſen) aufgeforderte Fürſtliche Kapellmeiſter Graupner einen gewiſſen Petri, Fürſtl. Idſteiniſchen Tenoriſten und Cancelliſten vorſchlägt. Die Stelle erhält jedoch der Cantor Zahn aus Lauterbach, welcher neben ſeiner muſikaliſchen Bildung auch die Qualification als Praeceptor elassicus der unterſten Klaſſe beſitze. Als Wohnung erhält er das oberſte Stockwerk des Hauptgebäudes, womit er aber nicht zufrieden iſt,während ſein Vorfahr eine unten auf der Erde befindliche weit commodere Wohnung zu nutzen gehabt, müſſe er ſelbſt aber täglich über 75 Stuffen mühſelig auf⸗ und abſteigen und außerdem ſei er von allen Orthen her auf eine gar empfindliche Weiſe Wind und Wetter exponiret.

Ueber die Einnahmen aus den Leichenmuſiken, wobei Unterſchleife vorgekommen waren, wird vom Conſiſtorium verordnet, daß der Cantor ½⅛ erhalten, die Choriſten unter ſich vertheilen ſollten.

Noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts ſang der Paedagog⸗Chor in den Straßen der Stadt. Hatten die Schüler am Samſtag Nachmittag ihre Geſänge eingeübt, ſo gingen ſie unter Anleitung des Cantors zuerſt in den Schloßhof und ſangen daſelbſt das Eingeübte, von da zogen ſie durch die Straßen der Stadt, machten auf den Plätzen oder vor den Häuſern der angeſehenſten Bewohner Halt und ſtimmten ihre Geſänge an. Vom Hofe erhielten ſie dafür jährlich 18 fl. und am Neujahrstage vom Landgrafen und den durch ſie angeſungenen Einwohnern beſondere Geſchenke.*) Sie ſangen auch bei Leichenbegäng⸗ niſſen, Hochzeiten und ſonſtigen Anläſſen, wofür ihnen ebenfalls beſondere Vergütungen zu Theil wurden. Bei angeſehenen Leichenbegängniſſen erhielten ſie, wie auch ihr Cantor, Trauerflöre.(Walther, Darm⸗ ſtadt ꝛc. p. 80.)

Auf den Singchor legte man früher einen beſonderen Werth.

1664. Nachdem der Landgraf ſein Mißfallen darüber ausgedrückt, daß wegen der Muſik keine genugſame anſtalten nicht allein in keine uffnahmen gebracht worden, ſondern ſolche je länger, je mehr in abgang gerathen, macht der Rector M. H. Phasianus Vorſchläge zur Abhülfe, und ſollen ſtatt 3 künftig 4 Muſikſtunden gehaltenauch der Turn Mann ſich mit ſeinem Geſinde wöchentlich einmal beim exercitio musico in Paedagogio einfinden, damit in der Kirche keine Fehler mehr vorkommen.

1718 verordnet der Landgraf, daß jährlich 6 tüchtige Schüler aus den Paedagogicis, welche von Gott und der Natur mit guten Stimmen begabet und den Tact dabey zu observiren fähig ſind, unter das Directorium des Cammer-Musiei Knöchel gegeben werden ſollen, damit durch dieſelben in der Fürſtl. Hofkapelle der gewöhnliche Choral Geſang in rechter Mensur und Harmonie löblich geführet werden könne. Derſelbe ſolle ſtrenge Zucht halten und weder unter dem Geſang, noch unter der Predigteiniges Aus⸗ lauffen, freyen Muthwillen, unnützes Gewäſch oder andere ärgerliche insolentien geſtatten, die Uebertreter aber mit geziemender disciplin ſowohl in Worten als auch moderablen Schlägen ſnitis sacris auf friſcher That abſtrafen, bei enormen Excessen aber die Anzeige an das Hof⸗Predigamt machen.

*) Die Einnahmap des Singchors, der aus 1222 Perſonen beſtand, waren nicht unbeträchtlich und beliefen ſich 1709 auf 293 fl. 15 alb. 6 pf., 1710 auf 250 fl., 1722 auf 590 fl. 19 alb. 5 pf., 1750 auf 501 fl. 9 alb. 4 pf.