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einer guten Grammatie gemacht und durch alle Claſſen fortgeſetzt werden, damit die Jugend noch eher ihre eigne Mutterſprache grammaticaliſch richtig reden und ſchreiben lerne, als eine Fremde.
Alle jeder Sprache eignen etymologiſchen Begriffe und Kunſtwörter ſollen der Jugend in der deutſchen Sprachlehre beigebracht, keineswegs aber allein an die lateiniſche Sprache geheftet und dieſe dem Anfänger dadurch ſo viel trockner und nicht ſelten eckelhafter gemacht werden. Kein lateiniſches Exercitium ſoll in's Reine geſchrieben werden, ohne das deutſche beizuſchreiben und in den Fxercitiis pro loco ſollen die Fehler in der deutſchen Sprache nicht weniger als in der lateiniſchen angeſchrieben und danach certirt werden. Mit kleineren Aufſätzen in der deutſchen Sprache muß ſchon in der unterſten Claſſe der Anfang gemacht werden; mit Rückſicht auf die frühzeitig zu Künſten und Handwerken übergehenden Schüler ſoll im Anfertigen von Quittungen, Briefen in Haushaltungs⸗ und Familienangelegenheiten geübt werden. In der dritten Claſſe ſollen dieſe Uebungen fortgeſetzt, in der zweiten und oberſten Claſſe ein Haupttheil des Unterrichts werden, auch die jungen Leute nicht bei ihren eignen Ausarbeitungen ſtehen bleiben, ſondern auch frühzeitig daran gewöhnt werden, das, was ſie geleſen und verſtanden, zu excerpiren und in einen kurzen, zuſammenhängenden Extract zu bringen. Das Gefühl des Schönen muß nicht ſowohl durch weit⸗ läufige aeſthetiſche Regeln, als durch gute Muſter geſchärft werden; deßhalb ſoll der Lehrer neben guten Stücken der deutſchen Litteratur zuweilen auch ein mittelmäßiges vorleſen und ſeinen Schülern in beiden ſowohl das Verdienſt, als die Fehler durch eine kurze Kritik fühlbar zu machen ſuchen. Um die Jugend frühzeitig an eine anſtändige Freimüthigkeit und guten natürlichen Vortrag zu gewöhnen, ſollen die Lehrer mehrmals einen um den andern Schüler aus dem, was ſie aus der Geſchichte oder über einen andern intereſſanten Gegenſtand die Woche hindurch gehört, einen kurzen mündlichen Vortrag thun laſſen, auf den ſie ſich zu Hauſe vorbereitet oder den ſie ſchriftlich aufgeſetzt und nach vorhergegangener Correctur aus⸗ wendig gelernt haben.
Im lateiniſchen Unterricht ſoll in der unterſten Klaſſe beſtändig eine große Tafel hängen, an der die Endſylben und Beugungen der Nenn- und Zeitwörter in großen, auch in der Ferne lesbaren Buchſtaben mit Oelfarbe vorgemalt ſind. Sobald der Anfänger einige Uebung erlangt, muß man ſogleich ein leichtes Penſum aus der Chreſtomathie wählen und darin nicht langſam gehen. Der Lehrer erzählt vorher den Inhalt desſelben, überſetzt es darauf von Wort zu Wort, und nachdem er es nochmals deutſch im Zuſammenhang vorgeſagt, läßt er es zuerſt die Fähigſten, dann auch einige Geringere wiederholen und fragt daraus die einzelnen Wörter, läßt auch Denkſprüche u. dergl. auswendig lernen. Die etymologiſchen Uebungen ſollen keineswegs bei der Explication jedes lateiniſchen Penſums angebracht werden, da deſſen Lectüre dadurch ewig unterbrochen, zerſtückelt und eckelhaft wird, ſondern in beſonderen Stunden einheitlich betrieben werden. In der Erklärung der lateiniſchen Lehrbücher ſoll der Lehrer möglichſt curſoriſch fort⸗ gehen, wenn auch der Schüler in der Etymologie noch oft genug fehle; es werden ſich dieſe grammatikaliſchen Elemente unter der Hand von ſelbſt geben, wenn nur der Schüler einige Fertigkeit im Leſen erlangt hat. Syſtematiſche Betreibung der Syntax und lateiniſchen Exercitien, in ſofern ſie der Schüler ſelbſt aus⸗ arbeiten muß, ſind in der unterſten Klaſſe ganz verboten, in der dritten Klaſſe ſollen ſie nur kurze Sätze enthalten, eigentliche und zuſammenhängende lateiniſche Exercitien ſollen erſt in der zweiten Klaſſe anfangen, in Betreff des Lateinſchreibens ſoll ein ſorgfältiger Unterſchied unter den Fähigkeiten junger Leute gemacht werden, inwiefern ſie zu eigentlichen Gelehrten Hoffnung geben, oder nicht. Als Lectüre ſind beſtimmt außer den Chreſtomathien für IV. Phädrus, für III. Eutrop. In den Oberklaſſen muß bei den Autoren keineswegs allein auf die Sprache, ſondern hauptſächlich darauf geſehen werden, ob ſie auch ihrem Inhalte nach der Jugend nützlich und intereſſant ſein können. So ſollen Cäſar und Curtius, als weitläufige Kriegs⸗ geſchichten eines engen Zeitraums allein den Selectanern, Cornelius aber den Secundanern vorbehalten ſein, die ſie curſoriſch leſen können. In II. ſollen außerdem Pomponius Mela und Juſtin, ſowie Ovid's Metamorphoſen, in I. Sueton, Salluſt, Cicero's Briefe, Horaz und Virgil geleſen werden. Die redneriſchen und philoſophiſchen Schriften des Cicero, der jüngere Plinius, Livius, Tacitus und Juvenal ſind curſoriſch mit den Selectanern und einzelnen beſonders befähigten Primanern zu leſen. Es ſoll zu gleicher Zeit nie


