Aufsatz 
Geschichte des Großherzoglichen Gymnasiums zu Darmstadt : Festschrift zur Feier des 250jährigen Jubiläums dieser Schule am 23. und 24. April 1879 / Von Wilhelm Uhrig
Entstehung
Einzelbild herunterladen

97

mehr als ein proſaiſcher und ein poetiſcher Autor geleſen und für dieſen nicht eher ein anderer ange⸗ nommen werden, als bis in jenem ein anſehnliches Penſum, das für ſich ein Ganzes ausmachen kann, vollendet iſt. Bei der Erklärung muß ſich der Lehrer keineswegs mit unnöthigen Phraſeologien aufhalten; kurze Bemerkungen über das Eigenthümliche dieſes oder jenes Ausdrucks aus den Alterthümern oder aus dem ſittlichen Charakter jener Zeiten werden zur Erläuterung genügen. Um ſo eifriger ſuche der Lehrer den erwachſenen Schüler auf die inneren Schönheiten des Originals und den Geiſt des Ganzen aufmerkſam zu machen. Hierzu ſind keineswegs aeſthetiſche Declamationen erforderlich; der Lehrer ſuche vielmehr ſeinen Schüler in eine ſolche Lage gegen den Schriftſteller zu ſetzen, daß ihm jene Schönheiten von ſelbſt fühlbar werden. Er ſtelle deßwegen, wenn der Schüler einmal das Ganze überſehen, den Hauptgedanken ganz einfach und roh, oder im Fall es eine Geſchichte iſt, den kurzen Inhalt derſelben dar, und zeige nun, wie der Schriftſteller das alles behandelt, mit Intereſſe verwickelt und ihm die innere Größe ſeiner eignen Seele mittheilt. Dies ſoll aber nur zuweilen geſchehen, um dem eignen Gefühl des Schülers mehr die gehörige Richtung zu geben, als ihm beſtändig vorzugreifen, wie man auch den Schüler keineswegs während der Ueberſetzung und Erklärung eines Autors durch ewige Correcturen unterbrechen ſoll. So oft ein Capitel oder ſonſt ein kleines Ganze dem Verſtand nach genug erklärt iſt, ſo trage es der Lehrer mit aller Stärke, in der das Original auf ihn wirkt, deutſch vor. Bei den Ueberſetzungen, die die Schüler, beſon⸗ ders die älteren, zu Hauſe aufſetzen, muß die Correctur ſtreng, und keineswegs damit zufrieden ſein, wenn nur der Sinn getroffen iſt.

Die Griechiſche Sprache ſoll künftig nicht mehr in den ordentlichen Klaſſenſtunden getrieben werden, wodurch Diejenigen beläſtigt werden, die weder Geſchmack noch Beruf dazu haben. Zur Beſuchung dieſer Stunden ſollen zwar eigentlich nur die zur Theologie beſtimmten verbunden ſein, es werden aber die Lehrer von ſelbſt nicht vergeſſen, auch andere vorzüglich gute Köpfe zu dieſer fürtrefflichen an großen Muſtern ſo reichen Sprache aufzumuntern. In IV. und III. 2 St. Grammatik und Erklärung leichter Stücke aus dem Neuen Teſtament, in III. in 2 St. Fortſetzung dieſer Erklärung, ferner Paläphatus und einzelne hiſtoriſche Stücke aus einer Chreſtomathie. In I. und Selecta 2 curſoriſche Stunden für die Profan⸗Autoren, ſowohl Dichter als Proſaiſten(Die Autoren ſind nicht angegeben).

Die Philoſophie ſoll nur in der oberſten Claſſe gelehrt werden und auf Logik und die nöthigſten Begriffe aus der Metaphyſik beſchränkt bleiben. Die Naturlehre und das Nöthigſte aus der Natur⸗ geſchichte macht mit der Philoſophie einen Curſus aus, der wenigſtens alle zwei Jahre geendigt werden ſoll. In den unteren Klaſſen ſollen zwar bei Gelegenheit nützliche Erzählungen dieſer Art angebracht, aber kein gefliſſentlicher Unterricht darin ertheilt werden.

Die Mathematik, als das ſicherſte Mittel, die Aufmerkſamkeit zu üben und dem Verſtand Ordnung im Denken natürlich zu machen, ſoll in dem Paedagog ſo viel ſorgfältiger getrieben werden, je ſinnlicher und eben dadurch auch dem früheren Alter faßlicher ihre Wahrheiten gemacht werden können. In den Oberklaſſen ſoll auch das Nothwendigſte der angewandten Mathematik, beſonders auch die Kenntniß der vornehmſten Maſchinen gelehrt und im Sommer praktiſche Uebungen in der Feldmeßkunſt angeſtellt werden. Zu dem ſo nützlichen Zeichenunterricht ſoll Niemand gezwungen, wohl aber ſollen fähige und lernbegierige junge Leute dazu aufgemuntert werden. Clavierſtunden ſoll der Cantor wöchentlich in vier Stunden den Choriſten, der Muſikus Schwarz den Theologen und ärmeren Schülern unentgeltlich ertheilen. Bei den Schreibſtunden ſoll zur Erhaltung der Disciplin jedesmal der Prorector anweſend ſein.

Die Geographie und Geſchichte iſt neben den Sprachen der Haupttheil des weltlichen jugend⸗ lichen Unterrichts. In IV. ſollen Erzählungen, auch aus der Naturgeſchichte und den Alterthümern gegeben und nacherzählt, auch wohl zu Hauſe ſchriftlich aufgeſetzt und dann vorgeleſen werden, in der Geographie die allgemeine Karte der vier Welttheile und die von Deutſchland erklärt werden. In III. lernen die Schüler in der alten Geſchichte ſoviel, als bei der Erklärung des Eutropius und den Bercholdiſchen hiſtoriſchen Sammlungen in kurzen Erklärungen beigebracht werden kann, aus der neueren Geſchichte die Hauptbegebenheiten von den Zeiten der Reformation an; der geographiſche Unterricht in IV. wird nur

13