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„Endlich ſollen die Schüler nebſt ihrem praeceptore des Morgens um die beſtimmte Zeit ſich mit ihrer Class, zu welcher ein jeder gehöret, einfinden und verſammeln, daſelbſten ein caput biblicum in der Ordnung leſen, welches von dem praeceptore kürtzlich zu erklären, und wann dieſes geſchehen, ſoll eine jede derer unteren Claſſen mit ihrem Praeceptore in Classe prima zuſammenkommen und darinnen in uno coetu dem Gebet und Geſang beiwohnen. Dann auf dieſe Art können alle Unordnungen vermieden, die sero venientes von dem praeceptore einer jeden Class deſto leichter bemerket und deßhalben gebührend beſtrafft werden. Des Nachmittags aber ſollen in einer jeden Class beſonders nach dem gewöhnlichen Gebet, die Psalter Davids, die Sprüche Salomonis, das Buch Jesus Syrach und das Buch der Weißheit in der Ordnung vor der recitation der lectionen geleſen und von dem praeceptore moraliſch, jedoch nach dem captu derer Schüler erkläret werden, weilen die unvergleichlichſten Sitten und Politiſche Reguln da⸗ rinnen enthalten ſind“.
Nach den von Landgraf Ludwig IX., d. d. Pirmaſenz, den 24. Julius 1778, erlaſſenen„Er⸗ neuerten Statuten des Fürſtl. Paedagogs in Darmſtadt, 1778“ ſoll der Unterricht in 4 Hauptclaſſen gegeben, die Selecten Ordnung aber noch in mehreren Stunden von den unteren Ordnungen der oberen Claſſe getrennt ſein. Morgends von halb Acht⸗ bis Zehen Uhr, und des Nachmittags von Ein⸗ bis Drei Uhr geht der ordentliche und allgemeine Claſſen Unterricht; des Morgends von Zehen bis Eilf, und des Nachmittags von Drei bis Vier, Mittwochs und Sonnabends Nachmittag aber von Ein bis Drei, theils auch bis Vier Uhr werden die außerordentliche Lectionen ertheilt, die nur einzelne Arten von Schülern nach ihrem verſchiedenen Alter und künftigen Beſtimmung beſuchen. Sollten ſich zu dem Unterricht des Pädagogs ſolche melden, die zu den Studien nicht beſtimmt ſind, alſo auch den geſammten Claſſen Unterricht nach der Reihe durchzugehen nicht nöthig erachten, aber doch in denen ihnen nützlichen Kenntniſſen unterrichtet ſeyn wollten, ſo ſoll ihnen der Director alle Claſſen durch die ihnen angemeßne Stunden anweiſen, ihren ganzen Curſus reguliren, und ſie unter ſeine beſondere Aufſicht nehmen. Es ſollen alſo Schüler dieſer Art zu keiner einzelnen Haupt Claſſe gerechnet werden, und können, je nachdem es ihre Fähigkeiten und Beſtimmung fordern, in der einen Claſſe in dieſer, in der andern Claſſe aber wieder in einer andern Lection Unterricht genießen. Das Lehrgeld, das Lehrlinge dieſer Art zu zahlen haben, ſoll entweder auf dem Belieben der Eltern beruhen, oder der Director kann es nach dem Verhältniß des Unterrichts, den er bei jedem Lehrer genießt, billigmäßig beſtimmen. Dieſe Ausnahme kann jedoch eigentlich und hauptſächlich nur auf die alte Litteratur gezogen werden.“*) Es ſoll bei dem Pädagog als ein unveränderliches Geſetz und als die erſte Grundlage ſeiner Verfaſſung angeſehen werden, daß keineswegs darinn nur bloſe ſogenannte Studirte und Brod Gelehrte, ſondern ebenſowohl nützliche Bürger durch alle Stände des bürgerlichen Lebens erzogen werden. Bei allem dem will man durch dieſe Verordnung keineswegs einer zwar neumodiſchen, aber nicht ſelten aufs gegenſeitige Extremum getriebenen Realitätsſucht patrocinirt, und die dem jugendlichen Alter angemeſſene Verbal⸗Kenntniſſe im geringſten heruntergeſetzt haben; es ſollen nur über den gelehrten Stand die übrigen Stände des gemeinen Lebens nicht leiden und als ein minderer Ge⸗ genſtand der öffentlichen Erziehung angeſehen werden, ſondern vielmehr jede Lebens Art, die ein junger Menſch ergreifen könnte, zu Bildung des Verſtandes und Herzens, und zu Erlernung gemeinnütziger Kennt⸗ niſſe, in dem Pädagog die nöthige Gelegenheit und Vorbildung finden. In dem Religionsunterricht ſoll die eigentliche ſyſtematiſche Dogmatik nicht gelehrt werden, vielmehr in unfigürlichen, jedermann ver⸗ ſtändlichen Worten ohne alle Kunſtform eine kurze deutliche Vorſtellung der weſentlichſten Religions⸗Wahr⸗ heiten faßlich gemacht werden. In Anſehung des gewöhnlichen Memorirens ſoll die äußerſte Mäßigung gebraucht werden, damit nicht auf der einen Seite durch übertriebenes Auswendig Lernen der Innhalt ſo mühſam eingepropfter Sprüche und Lehren ſo viel leichter ungefühlt vor dem Herzen vorübergehe, auf der andern Seite aber der aus einem ſo mechaniſchen Unterricht entſtehende Eckel auf die Religions Wahrheiten ſelbſt zurückfalle. Bei Erlernung der Sprachen ſoll der Anfang mit der Deutſchen Sprache nach
*) Es waren dies die ſogenannten Teutſchen, die erux der Lehrer bis auf Dilthey’s Zeiten.


