Aufsatz 
Geschichte des Großherzoglichen Gymnasiums zu Darmstadt : Festschrift zur Feier des 250jährigen Jubiläums dieser Schule am 23. und 24. April 1879 / Von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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lichen beliebt worden, weil ſie kurtz und noch am erſten ohne beygefügte ſchädliche Ueberſetzungen zu haben ſind. Die Hebräer unter ihnen leſen ganze bibliſche Bücher durch. Man kann dabei auf die beweiſenden Hauptſprüche ſehen, welche jede Woche in dem theologiſchen Lehrbegriff vorkommen. Sie accentuiren über dieſes und der Nutzen davon wird dieſen primis an ſonſt ſchweren Stellen gezeigt. Und da dieſe primi in den Sprachen, zumal auch in der lateiniſchen feſter geſetzt ſind als die andern, ſo wird denſelben nun der ganze cursus philosophiae etwas ausführlicher und gründlicher in ſeinem Zuſammenhang erklärt, durch zu machende Einwürfe und Antworten alles befeſtigt und der Nutzen davon in andern Wiſſen⸗ ſchaften gezeigt. Hiervon iſt auch das ſo anmuthige und nützliche studium matheseos nicht ausgenommen, inſofern es die Arithmethik, Geometrie und Trigonometrie betrifft, und auch wohl einen praktiſchen Theil, als die Geographie, Chronologie oder Gnomonik.

Die Uebung in der Rede⸗ und Disputir Kunſt ſoll auch noch unſere Oberen von dem andern Hauffen unterſcheiden, und iſt verordnet worden, daß auch im halben Jahr ein Actus oratorio-disputatorius minus solemnis ſolle gehalten werden; welche beyde Uebungen auch außerdem in der Claſſe öfters vorzu⸗ nehmen. Dieſe lectionen ſind meiſt ſo gelegt, daß jede wenigſtens zwey Tage nach⸗ einander abgehandelt wird, um einen ſtärkeren Eindruck dem Gedächtnis zu machen, als wann mehrere Tage darzwiſchen wären. Bei dieſen bißher erzählten Lehrſtücken wird man auch auf die, ſo nicht ausſtudiren, immer mehr zu ſehen ſuchen. Solche könnten z. B. die mathematiſche Vorleſungen mit beſuchen, bey habender Fähigkeit; wann ſie ſchon noch nicht unter den Oberen ſich be⸗ fänden: Gleichwie ſie auch die Schreib Kunſt, das Rechnen und Frantzöſiſche ohne Entgeld, wie die andern alle, erlernen können. Bey ſolcher geordneten Einrichtung aller nöthigen Lehr Stücke wird kein vernünftiger Vater den Claſſen zu Schulden legen, wenn vielleicht ſeines Sohnes gar zu ſtumpffer Verſtand nicht zu fein ausgeſchliffen worden; noch jemand ſein forteilendes Verlangen nach höheren Schulen mit dem Vor⸗ geben rechtfertigen dürffen, daß ihn die Claſſe nichts weiter lehren könne. Doch werden auch die neue Anſtalten niemand zur Ungebühr und zu ſeinem Nachtheil zurückhalten. Die geprüfte Tüchtigkeit, wie es zu allen Zeiten hat ſein ſollen, wird einem Jeden ſein Abſchieds⸗Patent ertheilen.

(Unterz.) Joh. Mart. Wenck, Rector, M. Joh. Adam Frey, Prorector, Joh. Daniel Frey, Conrector, Georg Philipp Zahn, Cantor.

Hierzu ſchickt Wenck Erläuterungen ein, aus denen wir Folgendes entnehmen:

Erſtlich wünſcht er die Einführung mehrerer Lehrbücher, ſo die Grammatik des Cellarius ſtatt der ſeither gebrauchtenlateiniſchen Giesser Grammatik, weilen die Jugend nach derſelben obscura per obscura faſſen ſolle(wie ſich das Conſiſtorium ausdrückt), ferner Bernholdt's Sammlung lateiniſcher Auf⸗ ſätze. Um den Mißbrauch abzuſtellen, daß die Jugend ohne die gehörige Reife verſetzt und mit unreifen Jahren und Studiis auf die Univerſitäten fortgelaſſen werde, ſchlägt er die Errichtung einer Selecta vor. Alle Schulen, ſo einigen Ruhm ſich erworben, ſeien mit einer ſolchen preiswürdigen Anſtalt verſehen, und man rühme die Landesfürſten noch in ihrer Aſche, welche dergleichen geſtiftet. Durch die Gründung der Selecta würde der Vorwurf wegfallen, daß man hier nichts weiter lernen könne. Ihre Lectionen könnten etwa in 7 Stunden wöchentlich abſonderlich tractirt und ſie anbei in allerlei Arten größerer Aufſätze in einer guten Schreibart geübt werden.

In der äußerlichen Tracht müßten Selectani ſeines Erachtens nichts vor den andern Schülern beſonders haben, man möchte ihnen dann etwa erlauben wollen, daß ſie außer den Schulſtunden mehr mit Stöcken, die andern aber in ihren Mänteln gehen könnten. Degen ihnen anzuhängen, hielte man auf keine Weiſe rathſam und würde dieſe ohnehin von Natur etwas freie Jugend allzu licentiös machen.

Die Vorſchläge Wenck's wurden in der Hauptſache genehmigt; weiterhin aber beſtimmt, daß der eximendus ſogleich die Univerſität beziehen müſſe,maßen durchaus nicht mehr verſtattet werden ſoll, daß die exemti ein halb oder gantzes Jahr mit dem Degen hier herumgehen und das, was ſie gelernet, in denen faulen Tagen wieder vergeſſen ſollen.