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er die vorgetragene Warheit recht gefaßt und verſtanden habe. Der Lehrer kann zuweilen nur den medium terminum, wie man ſagt, als eine Materie zum Disputiren angeben. Die eigne Erfindung wird doch der Jugend noch ſchwehr; und wenn man ihr ſolche Einwürffe an Hand gibt, die wirklich von gelehrten Männern gemacht worden; ſo wird ſie in Zeiten an Realitäten gewöhnt; oder lernt auch gewiſſer Ge⸗ lehrten Schwäche kennen. Sie hat dabey die Uebung, daß ſie den Einwurf in der Geſtalt einer Schluß⸗ Rede faſſen lernt. Nicht zu gedenken, daß die Fertigkeit der Sprache dadurch befördert wird. Nach der Abhandlung ſind die vornehmſten Sätze und Gründe durch die Stimme des Lehrers, und zu Zeiten auch der lernenden, in der Ordnung, wie ein jeder aus dem andern fließet, zu wiederholen. Es dient viel zum Verſtand der gehörten Sätze, wann der Jugend eine Einleitung in die Schickſale der Wiſſenſchaften und in die Geſchichte der Streitigkeiten, wie auch zu den vornehmſten Schriften, welche dieſelbe erläutern, ge⸗ geben wird.
Was die Vertheilung des Lehrſtoffes betrifft, ſo werden folgende Normen aufgeſtellt: Quarta elassis. Mit Benutzung der aus der Stadtſchule mitgebrachten Bücher werden die Uebungen im decliniren, conjugiren, memoriren, componiren weiter fortgeſetzt, wie auch im Schönſchreiben, ingleichen wird den Schülern das Teutſche nach der Orthographie verbeſſert und nicht allein das Lateiniſche. Ferner werden die leichteſten historiae, zumal sacrae nach der Sammlung Bernholdt's tractirt, auch der Cornelius Nepos nebſt dem Leſen der griechiſchen Sprache und dem Anfang des Declinirens. Man könnte auch hier das Einmaleins lernen laſſen. In den lateiniſchen Autoren verteutſcht man nicht die Worte nach der Folge, ſondern nach der Conſtructionsordnung, als welches auch in den oberen Claſſen zu beobachten, zumal wenn der Scholar ſtutzet, oder es nicht trifft. Classis Tertia. Alte Welthiſtorie nach Bernholdt. Cornelius Nepos wird ſtärker und öfters abgehandelt. Es werden teutſche Ueberſetzungen gemacht, abge⸗ leſen und mit dem Lateiniſchen des autoris zuſammengehalten, auch wohl das Teutſche gefragt und von dem Schüler das Lateiniſche geantwortet, überhaupt ganz beſonders auf die copia verborum geſehen. Die Exercitia, worin der lateiniſche Autor ſowohl nach den Phrasibus, als Particula zuweilen nachgeahmt wird, welche auch beſonders über die regulas syntaxeos gegeben werden, ſind in dieſer Claſſe ſchon etwas größer und höher als in der Quarta. Auch pflegen in dieſer Claſſe die epistolae Ciceronis minores geleſen zu werden. In der lateiniſchen Poeſie wird der Anfang zum scandiren gemacht und die vornehmſten Regeln der Proſodie auswendig gelernt, in praxi an einer leichten Elegie des Ovid aus Bachmann's Poetik geübt. Im Griechiſchen wird die Epiſtel Johannis als ſehr leicht oder die ordentlichen Sonntagsevangelien durchgegangen. Die vorkommenden Wörter werden durch öfteres Fragen bekannt gemacht, um zu einiger copia vocabulorum zu gelangen. Das exercitium declinandi wird fortgeſetzt. In den Conjugationen thut man zu den verbis barytonis auch die contracta, und werden alle partes orationis analyſirt. Die verba in u und andere anomala werden durch aufſchlagen bekannt gemacht. Ueberhaupt macht man in dieſer Claſſe noch kein Hauptwerk aus dieſer Sprache, und verwendet daher auch nicht ſoviel Zeit darauf, daß dadurch der Cultur der lateiniſchen Sprache im mindeſten etwas entzogen werde. Classis Secunda. Nebſt dem Spruch⸗ und Fragebuch der vorhergehenden Claſſen ſind auch die Worte des kleineren Catechismus immer zu wiederholen. In der Theologie ſind kurze Definitionen zu lernen, die beweiſenden Sprüche auch wohl, was die leichteren angeht, in fontibus graecis zu leſen, die thesis kurz, ohne noch viel von Streitigkeiten und ſchweren Fragen zu gedenken, zu erklären und practice anzuwenden. Aus Bernholdt's Sammlung wird hier der dritte Theil geleſen, welcher die Mythologie ec., ohne welche unſre autores nicht verſtanden werden, erklärt. Der Cornelius wird ferner gebraucht und die zu dictirenden Exercitia, worin man halbjährlich die Syntax zweimal practice durchnehmen kann, werden auch wohl ad imitationem dieſes auctoris eingerichtet, daß ſie den ganzen habitum orationis periodicae nach den membris der periodus und der Art des Zuſammenhangs ausdrücken. Im 0. Curtio, welcher hier dazu kommt, muß man langſam gehn, und iſt den folgenden Tag eine Ueberſetzung aufzuweiſen. Die Carmina Ovidiana und andere selecta werden hier erklärt und dabei„verworffene Verſe zum restituiren gegeben“.


