Aufsatz 
Geschichte des Großherzoglichen Gymnasiums zu Darmstadt : Festschrift zur Feier des 250jährigen Jubiläums dieser Schule am 23. und 24. April 1879 / Von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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die Alterthümer, zumahl die Römiſche, die Rechen Kunſt, Calligraphie oder das Schön⸗ ſchreiben, die Sing Kunſt, das Briefſchreiben ec.

Die Methode müſſe gründlich und deutlich, leicht und angenehm, zulänglich und vollſtändig ſein; den deutlichſten Begriff dieſer Stücke gebe aber die philoſophiſche Wiſſenſchaft.. Eine mit ſolchen Eigenſchaften verſehene Lehr⸗Art finde ſich in den Schriften der Weltweiſen entwickelt und zeige ihre Stärke entweder in den Sprachen, oder in den Real⸗Wiſſenſchaften. Der Sprachſchüler muß, nach⸗ dem er ſich mit den allgemeinen Regeln und Gründen der Sprache einigen Vorrath von Worten erworben hat, einen Schriftſteller ſelbſt unter guter Anführung leſen und ſeine Sprach Wiſſenſchaft ſo daraus ver⸗ mehren, biß ſein Ausdruck vor einen genauen Abdruck des Urbildes gelten kan. In ſolcher Abſicht muß er ſein vorgelegtes Muſter nach der Sprach Lehre, Rede⸗ und Vernunft Kunſt(grammatice, Rhetorice, logice) anſehen. Wie dem Lehrling hierdurch die Bedeutung und die Kraft der Worte, deren richtige Fügung, die Zierlichkeit, die Art, die Glieder, die Haupt-, Neben⸗ und Zwiſchenſätze, die beweiſende, er⸗ läuternde und erweiternde Gründe, und die Bindewörter der Periode, und endlich der ganzen Rede bekannt werden: Alſo ſucht er nach vorhergegangener kindiſcher Nachahmung, auch auf eine männliche Art die gantze Geſtalt ſeines Autors, jedoch ohne mühſamen Sylben Zwang auszudrücken. Hierinne werden ihn, nach vorgängiger jedesmahliger Vorbereitung, und darauf angehörter öffentlicher Erklärung, richtige Ueber⸗ ſetzungen, welche der Eigenſchaft der Sprache, woraus und in welche man überſetzt, gemäß ſind, zum Meiſter machen. Dieſe Arbeit iſt Statt einer Wiederholung, welche ſonſt gern von der flüchtigen Jugend ausgeſetzt wird. Sie bringet dieſelbe durch eine in die Bekanntſchaft zweyer Sprachen. Iſt aber die Ueberſetzung nicht beyderley Sprach Arten gemäß; ſo können die Redens⸗Arten der bißher noch etwas un⸗ bekannten Sprache nicht glücklich und richtig in der uns bekannten wieder angewendet werden. Das Deutſch⸗ Fragen des Lehrers, und das Antworten des Lehrlings iſt die leichteſte Verbeſſerung vor den Ueberſetzer, und kann den antwortenden und zuhörenden, den oberen und unteren, ſehr nützlich gemacht werden. Durch ſolche Uebung und des folgenden Tags angeſtellte Wiederholung einzelner, und nach einiger Zeit größerer Stücke, wird der Schüler ſpielend und ohne mühſames Auswendiglernen, einzelne und mehrere Perioden, nach ſeinem nun davon habenden Begriff, herſagen können. So weiſſet ſich die Urtheils Kraft gegen das Gedächtniß, welches ihr ſonſt die Bilder der Sachen aufbehält, hinwieder erkäntlich. Der Schüler bekommt feine Modelle in den Kopf, wornach er ſeinen Ausdruck nun ohne große Schwürigkeit bilden kann. Me- moria judiciosa. Bei einer ſo benannten Lectione cursoria, welche bei ſchon ziemlich geübten Statt hat, iſt nicht nöthig alle dieſe Stücke zu beobachten. Schön abgefaßte und auserleſene Stellen, ingleichen die eine anmuthige Geſchichte, Beyſpiel, eine Klugheits⸗ und Sitten Regel, einen nachdrücklichen Anfang, ſcharf⸗ ſinnigen Schluß in ſich halten, Aufſchriften, Diſticha ꝛc. verdienen auf gleichmäßige leichte Art beſonders dem Gedächtnis anbefohlen zu werden. Damit die Sprachbehandlung der Jugend ſchmackhaft werde, ſo hat man ihr ſowohl auf eine theoretiſche als practiſche Art beyzubringen, daß man den Schriftſteller nicht nur der Worte, ſondern auch der Sachen halber leſe(denn die in Schulen geleſenen Schriftſteller waren keine bloſe Wortfänger, ſondern auch die witzigſte und klügſte Köpfe ihrer Zeit). Einem ſo ſich übenden wird auch das reden, zumahl nach einigem Verſuch in Erzehlungen, im Disputiren ꝛc. nicht ſchwehr fallen: doch ſoll die allzugroße Furcht, die Reinigkeit der Sprache zu verletzen, ihn nicht blöde machen.

Was die Viſſenſchaften betrifft, welche uns die Wahrheiten und Sachen ſelbſt in einem Zuſammen⸗ hang mit ihren Beweis Gründen vortragen, ſo ſoll von jedem Satz ein deutlicher Begriff gegeben werden, aus dem ſich der Beweis ſo viel leichter finden und verſtehen läßt, beide aber wegen des lebhafteren Ein⸗ drucks laut und vernehmlich geleſen werden. Wie die zu wählenden Lehrbücher die Sätze kurtz und rund darſtellen müſſen, ſo ſoll auch der erklärende Discurs eines Lehrers kurtz und bündig gefaßt ſein. Wenig Worte ſind hier die beſte, viel fragen das nöthigſte. Unter der Laſt der Worte verliert man den Satz. Das fragen erhält die Aufmerkſamkeit, muntert auf und beeifert den Schüler zum Nachſinnen. Ein ſchein⸗ barer Einwurf, welcher zumahl einem jeden nachdenkenden von ſelbſt leicht einfallen würde, erläutert und befeſtigt den Satz, und dient dem lernenden, wenn er denſelben beantworten kan, zu einem Merkmal, daß

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