Aufsatz 
Geschichte des Großherzoglichen Gymnasiums zu Darmstadt : Festschrift zur Feier des 250jährigen Jubiläums dieser Schule am 23. und 24. April 1879 / Von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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Leben nicht ſelbſt thun) eine feine trivial ſchuel*) die dem paedagogio zu Marpurgk allerdings ähnlich und gleich ſeye, anordnen, damit die Knaben, wenn ſie zu Darmbſtatt durch die elasses kommen, mit ehren und nutz zu Marpurgk publicas lectiones hören können. Solche trivial ſchuel zu Darmbſtatt ſoll nicht nur eifferig angeordnet, ſondern auch fort und fort, ſteif, feſt und vätterlich darüber alſo gehalten werden, damit auch Adeliche und andere Vornehme Leuth ihre Kinder dahin ſchicken, und der Bürger Nahrung etwas hieraus wachßen, auch man in den Kirchen eine feine Vocal music haben möge.

Zur Ausführung dieſes Planes hatte der Landgraf eine Commiſſion ernannt, die ihre Vorſchläge in einem Gutachten unterbreitete, welches vom 9. Febr. 1626 datirt und von den Räthen des Fürſten, dem Kanzler Antonius Wolf ſvon Todenwarth]**), dem Vicekanzler Johann Faber, dem Superinten⸗ denten Johann Vietor, den Räthen Johann Philipp Kleinſchmidt und Adam Leuth unterzeichnet iſt.

Eine der Marburger ganz gleiche Schule konnte die Commiſſion nicht befürworten, da man ſonſt wie in Marburg zwei unterſchiedene corpora oder doch zum wenigſten 8 praeceptores haben müſſe, welches der hohen Unkoſten halber unräthlich ſei, es genüge, wenn man einerlei lectiones und authores tractirte, auch die ſtudirenden Knaben ſo weit als zu Marburg bringen könnte, obſchon in numero praeceptorum, distinctione elassium und ſonſten in andern ſolchen accidental Punkten eines kleinen Unterſchieds nicht geachtet würde. In quarta oder infima elasse müßten die Kinder mit alphabetiren, ſyllabiren, leſen, ſchreiben, decliniren und conjugiren angeführet, auch zum teutſchen catechismo und gebeth allgemach angewehnet werden. In tertia classe kbönnten ſie zu den leichteſten Grammatikalreguln auch zur nomenclatur, versiculis Catonis, ſchlechten colloquiis und dergleichen geringen Büchern angewieſen, mit täglichem Schreiben geübet, wozu der praeceptor hujus elassis eine feine Handſchrift haben müſſe, über⸗ dieß allgemächlich zu einem Anfang des Argumentſchreibens, wie ingleichen zum Singen informiret werden. In der höheren oder secunda classe könnte man exactiora grammatices und syntaxeos praecepta, auch altiora colloquia, als Helvici oder anderer, desgleichen einen classicum authorem gebrauchen, und könnten die Knaben zn richtigem lateiniſchen argumentſchreiben, desgleichen zu den principiis graecis und poeseos, zum catechismo Theodorici(ſintemal in den beiden andern classibus nur Lutheri catechismus docirt würde), auch zum Lateinreden per notas linguae et morum, auch mit ſonderem Fleiß zur Figural⸗ muſik angewehnet werden. In der oberſten oder prima classe müßte die Dialektik, Rhetorik, poesis, auch alle ſolche Bücher nnd praecepta, wie dieſelbe zu Marburg im paedagogio in secunda et prima gebräuchlich, tractiret und praecise erſetzt und die Jugend allhier ſo weit gebracht werden, daß ſie zu Mar⸗ burg vom paedagogio liberiret und ad publicas lectiones ſo bald mit Nutzen adeoque absque trans- gressione admittirt werde.

Als Lehrer ſollen beſtellt werden fünf Perſonen, deren einer ſei Rector, die andre Perſon Con- rector, unter den übrigen dreien müßte einer musieus, der andre vicemusicus und der dritte Organist mit ſein, und wäre auf ſolchen Fall demjenigen ſo die Orgel neben dem Schuldienſt verſehen über die ordentliche Schulbeſtallung 20 Gulden von wegen der orgell zu geben, dem ordinario musico 25 fl. und dem vicemusico 12 fl. zu verordnen. Was denn die ordinari Beſoldungen anbelangen thut, müßten die⸗ ſelben an dieſem teuren Ort und da keine spes ſich weiter zu exerciren und ad altiora zu kommen

*) Trivialſchule muß in jener Zeit mit Paedagogium oder Gymnaſium ſynonym geweſen ſein, ſpäter verſtand man darunter nur niedere Schulen, die nicht unmittelbar zum Univerſitätsſtudium vorbereiteten. Was die Namen Paeda⸗ gogium und Gymnaſium betrifft, ſcheinen die gelehrten Schulen in Schwaben, Heſſen, Sachſen ꝛc., die aus der Refor⸗ mation hervorgingen, mit Paedagogium den evangeliſch⸗klaſſiſchen Erziehungszweck bezeichnet zu haben, während die Humaniſten ſchon vom 15. Jahrhundert an gerne jede ſtädtiſche Mönchsſchule in ein Gymnaſium verwandelten(Koch, Geſch. d. Marb. Gymn. pag. 14).

**) Dieſer ausgezeichnete Mann ſtammt aus einem alten Geſchlechte, das einen mit Wällen und Gräben verſehenen Hof am rechten Werraufer gegenüber dem ſachſen⸗meiningiſchen Dorfe Wernshauſen erſt als frankenſteiniſches, ſeit 1330 als hennebergiſches Lehen beſaß. Ein Eberhard Wolf von Todenwarth erſcheint 1647 als Mitglied einer Commiſſion zur Abſtellung von Gebrechen des Paedagogiums.

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