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Nicht allein der bedeutende Zuwachs an Land und Einkünften, welcher dem Landgrafen Ludwig V., dem Getreuen, durch die(ſpäter allerdings wieder geſchmälerte) Marburger Erbſchaft zugefallen war, ſondern noch mehr ſein Eifer für das höhere Schulweſen, in dem er die ſicherſte Pflanzſtätte für den reinen lutheriſchen Glauben ſah, veranlaßten ihn, auch in ſeiner Reſidenz Darmſtadt eine höhere Schule in's Leben zu rufen, beziehungsweiſe die alte Stadtſchule daſelbſt zu einem Paedagogium zu erhöhen.
I. Die Stadtſchule.
Das Paedagogium zu Darnſtadt iſt aus der alten Stadtſchule hervorge⸗ gangen,*) iſt wie dieſe eine landesfürſtliche Stiftung und hat jederzeit landes⸗ fürſtlichem Patronat unterſtanden.
Wann die Stadtſchule gegründet worden iſt, läßt ſich nicht mehr ermitteln. Nachdem ſchon im Jahre 1330 Graf Wilhelm I. von Katzenellenbogen von Kaiſer Ludwig dem Bayer für Darmſtadt Stadt⸗ rechte erlangt hatte und allmählich die alte Burg in ein freilich noch beſcheidenes Schloß umgewandelt, die Stadt ſelbſt aber mit Mauern und Thürmen wehrhaft gemacht worden war, erſcheint Darmſtadt auch als Pfarrei(die aus einer alten Tradition hervorgegangene Nachricht, daß die Kirche zu Darmſtadt eine Filiale von Beſſungen geweſen ſei, läßt ſich nicht nachweiſen), und kurz vor dem Ausſterben der Katzen⸗ ellenbogiſchen Geſchlechtes erhob ſich eine anſehnliche neue Kirche in einfachen gothiſchen Formen gehalten, deren urſprüngliche Geſtalt freilich nach dem ſpäteren Umbau derſelben jetzt kaum mehr zu erkennen iſt. Die Kirche, mit 7 Altären dotirt und Unſrer lieben Frau geweiht, war ein ſog. Halbſtift und es wirkten an ihr mehrere Kleriker, von denen der Altariſt des St. Martinsaltars zugleich den Dienſt in der St. Martinskapelle auf dem Hergottsberg verſah. Ohne Zweifel ertheilten die niederen Geiſtlichen, vielleicht mit ihnen wie an andern Orten die Sakriſtane oder Sigriſte, den nothwendigen Unterricht im Leſen und Schreiben, lehrten auch wohl das Trivium(Grammatik, Rhetorik, Dialektik) für diejenigen, die ſich höheren Studien widmen wollten.
Der erſte Hinweis auf die Exiſtenz einer Schule findet ſich in einer im Archiv zu Darmſtadt aufbewahrten Urkunde vom Jahre 1452,**) in welcher als Mitglied des Gerichts der 14 Schöffen Johannes der Schulmeinſter erſcheint. Von da an iſt länger als ein Jahrhundert keine Nach⸗ weiſung über die Schule vorhanden.
Die Grafſchaft Katzenellenbogen war 1479 nach dem Tode des letzten Grafen Philipp in den Beſitz ſeines Schwiegerſohns, des Landgrafen Heinrich III. von Heſſen übergegangen und theilte nunmehr die Schickſale der heſſiſchen Lande, die unter Wilhelm II. vereinigt auf deſſen Sohn Philipp den Großmüthigen vererbt wurden. Wie dieſer Fürſt die höhere Bildung beförderte, iſt ſchon erwähnt worden; aber auch für den niederen Unterricht trug er lebhafte Sorge.**r*)„Im 30. Hauptſtück der Homberger Synode(nicht ſowohl einer Kirchen⸗, als einer Landes⸗Verſammlung erleuchteter Männer und andrer berechtigter Heſſen unter dem Vorſitz des Landgrafen, deſſen Vorfahren bereits das Recht, kirchlicher Anarchie zu ſteuern, geübt), welche im Jahre 1526 für alle Heſſiſchen Lande die Grundlage ihrer ſpäteren Cultur⸗ verhältniſſe geworden iſt“, wird verordnet, daß in allen Städten, Flecken und Dörfern Knabenſchulen ſeien, in denen die Elementarkenntniſſe mit dem Schreiben gelehrt werden ſollen; und wenn in einigen Dörfern alle Elementarkenntniſſe nicht können vorgetragen werden, ſo ſollen wenigſtens die Prediger oder ihre Ge⸗ hülfen die Knaben Leſen und Schreiben lehren. In den Stadt⸗ und Landſchulen ſollen die Schüler Abends
*) Auch das Lyceum zu Hannover iſt nichts anders als die alte Stadtſchule, deren Urſprung bis weit vor die Reformation hinausreicht, und die 1348 von den Herzögen Otto und Wilhelm mit allen Rechten an die Stadt cedirt wurde. Ahrens, Geſchichte des Lyceums zu Hannover. 1870. pag. 3 u. 4.
**) Baur, Heſſiſche Urkunden IV., 163. ***) Koch, Geſchichte des akademiſchen Gymnaſiums zu Marburg, pag. 7.


