Aufsatz 
Geschichte des Großherzoglichen Gymnasiums zu Darmstadt : Festschrift zur Feier des 250jährigen Jubiläums dieser Schule am 23. und 24. April 1879 / Von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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Dieſes Recht*) war der Stadt, welche ſich von jeher bei ihrer Treue und Anhänglichkeit an das Fürſten⸗ haus mancherlei Freiheiten und Privilegien zu verſchaffen wußte, wahrſcheinlich damals überlaſſen worden, als die Parochialſchulen, wie auch anderwärts, in Folge ſtädtiſcher Bewilligungen an Gebänulichkeiten und Geldbeiträgen allmählich Stadtſchulen geworden waren.

Im Jahre 1527 hatte Landgraf Philipp, der, als Beſitzer aller heſſiſchen Lande, unter den welt⸗ lichen Fürſten im Umfange des früheren Herzogthums Franken nächſt deu Pfalzgrafen am Rhein den erſten Rang einnahm, nach dem Vorgange ſeiner Standesgenoſſen den wieder erwachten Wiſſenſchaften eine Pflanzſtätte zu Marburg gegründet und die neue Anſtalt, die eine feſte Burg des Proteſtantismus werden ſollte, mit eingezogenen Kloſtergütern reich dotirt, auch für die Anfangs Univerſalſtudium oder Akademie benannte Schöpfung im Jahre 1541 von Karl V., die kaiſerliche Beſtätigung erlangt, weil ſeit Maximilians Zeiten die Vervielfältigung der Univerſitäten durch die Fürſten als eine Art von erneuten Kaiſerſchulen gegen das Uebergewicht der päpſtlichen Intereſſen begünſtigt wurde.**)

Als Vorſchule war gleichzeitig das Marburger Gymnaſium errichtet und in enge Verbindung mit der Univerſität gebracht worden. Durch das letzte Teſtament des Landgrafen, welcher noch im Jahre 1536 den Landſtänden die Mittheilung gemacht hatte, daß er ſein ganzes Fürſtenthum mit allen Zubehörungen ſeinem Erſtgeborenen, Landgraf Wilhelm, vermachen und alle nachgeborenen Söhne durch ein Geringes an Land und Leuten ohne Landesfürſtliche Hoheit abzufinden beabſichtige, wurde die bekannte Theilung in 4 Fürſtenthümer von ungleicher Größe unter ſeine 4 Söhne bewirkt, von denen durch das baldige Abſterben zweier von den vier Brüdern die nachmals von den Hauptſtädten benannten Hauptlinien Heſſen⸗Kaſſel und Heſſen⸗Darmſtadt übrig blieben; zwiſchen dieſen wurde zuerſt nach dem Tode des kinderloſen Philipp II. die heimgefallene niedere Grafſchaft Katzenellenbogen nebſt Dependenzen(1583), dann aber(1605) nach dem Tode des Landgrafen Ludwig IV. zu Marburg das ſog. Oberfürſtenthum(Oberheſſen) zu gleichen Theilen getheilt. Hierdurch kam Marburg mit der Univerſität und dem Gymnaſium an Landgraf Moriz von Kaſſel, der die Anſprüche des Landgrafen Ludwig von Darmſtadt auf Theilnahme an der Adminiſtration der Univerſität, die theils aus dem Teſtamente Philipps des Großmüthigen, theils aus der letztwilligen Verordnung Ludwigs von Marburg hergeleitet waren, zurückwies. Moriz, ein eifriger Anhänger der calviniſchen Lehre, vertrieb 4 ſtreng lutheriſche Theologen aus Marburg, obwohl nach dem Teſtamente Ludwigs Beibehaltung der Religionsübung nach dem ſtreng lutheriſchen Lehrbegriffe(der ungeänderten Augsburgiſchen Confeſſion) bei Strafe der Enterbung geboten war. Sie fanden Aufnahme bei Ludwig V. von Darmſtadt, der, um den reinen lutheriſchen Glauben zu ſchützen und in Heſſen aufrecht zu erhalten, im Jahre 1605 in ſeiner aus der Marburger Erbſchaft erworbenen feſten Stadt Gießen ein Gymnasium illustre errichtete, das in das Gymnasium academicum, thatſächlich eine Univerſität, die bald zu großer Blüthe gelangte und in einem Jahre und drei Monaten gegen 300 Studenten inſcribirte, auch ſchon 1607 das kaiſerliche Privilegium erhielt, und in das Paedagogeum trilingue, in quo tenuiores ad audiendas publicas scholas praepararentur, zerfiel. Die Gründung der neuen Hochſchule verhinderte den Landgrafen Ludwig keineswegs, bei dem Reichshofrath ſeine Rechtsanſprüche an Marburg mit größter Conſequenz zu verfolgen, bis ihm ſein unbedingtes Feſthalten an dem Habsburgiſchen Kaiſerhauſe auch bei Beginn des 30 jährigen Krieges, als reichen Lohn der Treue, zunächſt nach dem Sturze der Union, die ganze Marburgiſche Erbſchaft neben anderweitigem beträchtlichem Ländererwerb eintrug(1624), worauf die Univerſität zu Gießen 1625 wieder mit der Marburger vereinigt wurde; auch das Paedagog wurde 1626 aufgehoben. Der weſtphäliſche Friede brachte Marburg wieder an Heſſen⸗Kaſſel, und da man ſich wegen der Verwaltung einer gemeinſamen Univerſität nicht einigen konnte, ſo rief Georg II. von Heſſen⸗Darmſtadt die Univerſität und das Paedagogium zu Gießen wieder in's Leben(1650) unter gleichen Statuten, wie ſie von 1607 1625 beſtanden hatten.

*) Weber, Geſchichte der ſtädtiſchen Gelehrtenſchule zu Caſſel. I. 1843, pag. 24. **) Koch, Geſchichte des akademiſchen Pädagogiums zu Marburg. 1868. pag. 9.

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