— 28—
der heftigsten religiösen und politischen Parteikämpfe in England und Schottland, die Jungfrau von Orleans in den Zeiten, als Frankreich fast ganz unter brittischer Oberherrschaft schmachtete, Wilhelm Tell, der Vertheidiger eines biederen Gebirgs- volkes: das sind ergreifende Heldengestalten, es sind nicht gemeine, alltägliche Lebensverhältnisse, es ist„das grosse gigantische Schicksal, welehes den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt.“— Und dabei suchte der Dichter jedem Drama auch eine ganz eigenthümliche Form zu schaffen, indem er auf mannigfaltige Weise das antike und moderne tragische Princip zu vereinbaren bemüht war, und erst als er in der Braut von Messina sogar die unvermischte Schicksalsidee der Alten dargestellt und so alle Formen durchgeprobt hatte, kehrte er mit Wilhelm Tell gleichsam nach erschöpfter Sache zur objectiv-historischen Gattung zurück und würde hierin bei längerem Leben noch Grösseres geleistet haben, wie der Plan und die Bruchstücke des Demetrius, einer völkergeschichtlichen Tragödie beweisen. Lessing hat das Verdienst, die Deutschen von blosser Nachahmungssucht zu einer national-deutschen dramatischen Kunst hingeführt zu haben, Goethe und Schiller schufen die ersten grossen Meisterstücke und bleiben Vorbilder für die nachfolgen- den Dichter. Stolz darf Schiller Goethe zurufen:
„Einheim’scher Kunst ist dieser Schauplatz eigen, Hier wird nicht fremden Götzen mehr gedient.
Wir können muthig einen Lorbeer zeigen,
Der auf dem deutschen Pindus selbst gegrünt. Selbst in der Künste Heiligthum zu steigen Hat sich der deutsche Genius erkühnt.
Und auf der Spur des Griechen und des Britten
lst er dem bessern Ruhme nachgeschritten“.
Und das gerechteste Lob spendet Goethe seinem Freunde mit den Worten:
„Er wendete die Blüthe höchsten Strebens— Das Leben selbst, an dieses Bild des Lebens.“
Die Geschicke grosser Helden und grosser Völker lässt er auf den bretternen Gerüsten ernst und mahnend vor unsern Augen vorüber wandeln; mit sinnendem Haupte stehen wir da, im Innersten bewegt:
„Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet Noch zweifelnd jede Brust und bebet,
Und huldigt der furchtbaren Macht,
Die richtend im Verborg'nen wacht,
Die unerforschlich, unergründet,
Des Schicksals dunklen Knäuel flicht,
Dem tiefen Herzen sich verkündet,
Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.“
Mit dieser idealen Auffassung allgemein interessirender Stoffe weiss Schiller jedesmal auch eine eigenthümliche Darstellung zu verbinden. Bald ruhig reflectirend und gefühlvoll, bald kühn und gewaltsam, feurig und leidenschaftlich, in grellen Contrasten, in wolberechneter Steigerung, stets wechselnd und neu versteht er es, jedem Stoffe seine eigene künstliche Anordnung zu geben und stets das Mannigfaltige zur schönen Einheit zu verbinden. Dazu kommt eine sorg- fältige Auswahl des reinsten Ausdruckes, eine kräftige, gediegene Sprache, eine seltene Pracht und ein reicher Glanz von Bildern, eine meisterhafte Versmalerei und Reime, die dem Ohr eben so lieblich klingen, als sie dem Gedächtnisse leicht einprägbar sind. Jedes einzelne Gedicht ist ein laut sprechender Beweis für das Gesagte und ein einziges mag für alle gelten, das Lied von der Glocke. Hätte Schiller sonst nichts gedichtet als dieses, so wäre sein Ruhm schon verbürgt gewesen. Ein Lebensbild nach dem andern und jedes mit einer neuen Farbenpracht, mit einem neuen Zauber der Töne. Durch diesen Wechsel der Darstellung und Diction beherrscht er das bewegte Herz„und wiegt es zwischen Ernst und Spiele— Auf schwanker Leiter der Gefühle.“—„Es geht dies Lied, wie W. Humboldt treffend bemerkt, die Tonleiter aller menschlichen Empfindungen durch; es ist eine lyrische Universaldichtung.“— Aber der vollste Glanz und die ganze Pracht Schiller'scher Diction erscheint in der Braut von Messina; abgesehen davon, dass dieses Stück eigent- lich kein besonders glücklicher Versuch des Dichters war, die antike Schicksalsidee in ihrer düsteren Gestalt wieder her- vorzurufen, wodurch auch andere hoch egabte Dramatiker verleitet wurden, ähnliche Schicksalstragödien, die der christlichen Anschauungsweise so ferne stehen, zu verfassen.— Ich gehe in meiner Behauptung noch weiter und sage: viele Schiller-


