Aufsatz 
Über die Prüfung der Anlagen zu den Wissenschaften. Ein Beitrag zur pädagogischen Zeichenlehre
Entstehung
Einzelbild herunterladen

61

Endlich iſt noch zu erwähnen, daß nur bei einer guten Unterrichts⸗ methode die Anlagen ſich vollſtändig zeigen. Der Unterricht muß inter⸗ eſſant ſein, d. h. mit andern Worten: er ſoll die Selbſtthätigkeit des Schülers wecken; denn dies iſt ja(vergl. Herbart) der nächſte Zweck alles Unterrichts. Wie aber der Lehrer durch eigenes Intereſſe, durch Lebhaftigkeit des Vortrags, durch Beſchaulichkeit, vielleicht auch dadurch, daß er den Nutzen des Unterrichtsgegenſtandes(nur nicht einen in weiter Ferne liegenden) zeigt, und durch mancherlei andere Mittel das Inter⸗ eſſe der Schüler wecken könne, dieſes hier auseinander zu legen, würde mich von meinem Zwecke zu weit abführen. Das aber iſt gewiß, wer das Intereſſe nicht wecken kann, der kann auch die Anlagen nicht prüfen; und die Köpfe, welche immer aufmerken(wenigſtens es zu thun ſcheinen) und Alles, Eins wie das Andere lernen, ſind gewiß nicht die beſten. Man könnte ſagen: wenn die Schüler großes Intereſſe für eine Sache haben, ſo würden alle, auch die ſchwachen etwas leiſten, und es ſei dann eben ſo ſchwer bei dem Unterricht, der alle gleichmäßig intereſſire, als bei dem, der Alle gleichmäßig nicht intereſſire, die guten Köpfe von den ſchlechten zu unterſcheiden. Allein man kann die beſten Läufer nur dann erkennen, wenn alle nach dem Ziele laufen.

Um das Geſagte kurz zuſammenzufaſſen, ſo wird nun der Lehrer, welcher Menſchenkenntniß und längere Erfahrung beſitzt, welcher alle Verhältniſſe der Schuler möglichſt kennt und berückſichtigt, gegen dieſe über⸗ haupt auf die rechte Weiſe verfährt, beſonders aber ihr Intereſſe für die Unterrichtsgegenſtände zu erwecken weiß, alſo kurz: der beſte Lehrer auch die Anlagen zu den Wiſſenſchaften am beſten zu prüfen im Stande ſein. Eigens angeſtellte Prüfungen werden in dieſer Beziehung wenig helfen. Bei ſolchen Gelegenheiten tritt das ſchüchterne Talent zurück und die Hohlköpfe werden am meiſten glänzen, weshalb auch diejenigen Lehrer, welche ſich Leibſchuler halten, nach Beendigung einer öffentlichen Prü⸗ fung gewöhnlich ſehr unzufrieden mit ihnen ſind.

Leider herrſcht noch der erſchwerende Übelſtand, daß ſogar in den untern Claſſen mancher Gymnaſien und anderer Schulen viele Lehrer ſich in den Unterricht theilen, was freilich hauptſächlich unmittelbar verderblich für die Schüler iſt, aber auch mittelbar; indem es die Leh⸗ rer verhindert, eine möglichſt allſeitige Einſicht in die Fähigkeiten jener