Aufsatz 
Über die Prüfung der Anlagen zu den Wissenschaften. Ein Beitrag zur pädagogischen Zeichenlehre
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

derſelben betrachtet werden können. Im gewöhnliche Leben verſteht man unter Aufmerkſamkeit die Richtung des Sinnes oder der Gedanken auf einen beſtimmten Gegenſtand. Beneke drückt ſich hierüber(im 1. Bd. der Erzl. 8. 22) ſo aus:die Aufmerkſamkeit wird begründet durch das wirkliche Hinzufließen der angeſammelten gleichartigen Spuren. Aufmerkſamkeit iſt ſonach das Thätigſein der Seele bei der ſinn⸗ lichen Wahrnehmung, das, worauf dieſe weſentlich beruht; und wo alſo Auffaſſung ſtattgefunden hat, da muß auch Aufmerkſamkeit vor⸗ handen geweſen ſein, und in gewiſſem Grade auch umgekehrt. Je mehrere von den genannten Spuren hinzufließen, deſto ſtärker iſt die Aufmerkſamkeit; und es folgt daraus etwas, was von dem Lehrer nie außer Acht gelaſſen werden ſollte, daß von den Schülern für neue Gegenſtände, d. h. für ſolche, welche noch keine gleichartigen Eindrücke oder Spuren in der Seele vorfinden, unmöglich eine andauernde Auf⸗ merkſamkeit gefordert werden kann, eben ſo wenig auch für ſolche Ge⸗ genſtände, für welche ſchon eine allzugroße Fülle gleichartiger Ein⸗ drücke vorhanden iſt, wodurch Ueberdruß und Suchen nach andern Reizen entſteht. Zu beobachten iſt darum die Aufmerkſamkeit an den⸗ jenigen Gegenſtänden, welche zwiſchen den genannten in der Mitte lie⸗ gen, welche weder durchaus neu, ſo daß ſich kein Anknüpfungspunkt findet, noch durchaus bekannt ſind. Außer dieſen beiden Gründen der Unaufmerkſamkeit, gibt es noch einige andere, 1) der Lehrer unterrich⸗ tet nicht zweckmäßig(worüber der III. Abſchnitt zu vergleichen), 2) es ſind vielleicht äußere in der augenblicklichen Lage des Schülers gegrün⸗ dete Hinderniſſe vorhanden(vergl. daſelbſt), 3) ſtark erregte mit dem vorliegenden Gegenſtande nicht verträgliche Seelenzuſtände u. ſ. w. Man nennt dieſen Zuſtand, wo die Seele mit andern Dingen beſchäf⸗ tigt iſt, als die, welche zur Wahrnehmung auffordern, Zerſtreutheit, welche aus zwei gerade entgegengeſetzten Gründen, aus Kräftigkeit oder Unkräftigkeit des Auffaſſungsvermögens herrühren kann. Aus der er⸗ ſten Urſache entſteht ſie, wenn der Schüler mit ſolchen pſychiſchen Ent⸗ wickelungen, welche wir ſpäter als gewöhnliche Folgen beſonderer Kräf⸗ tigkeit(und damit verbundener Langſamkeit) kennen lernen werden, noch beſchäftigt iſt, während der Lehrer in ſeinem Unterrichte weiter ſchreitet. Aus Unkräftigkeit(oft verbunden mit überwiegender Lebendigkeit, vergl. unten) rührt dagegen die Zerſtreutheit und Unaufmerkſamkeit für den