Aufsatz 
Über die Prüfung der Anlagen zu den Wissenschaften. Ein Beitrag zur pädagogischen Zeichenlehre
Entstehung
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VI

Unterrichtsſtoffes nicht ſeinem Ermeſſen überlaſſen bleiben, ſo wird er doch gewöhnlich ermächtigt und verpflichtet ſein, die Art ſeines Unterrichts nach den beſondern Anlagen ſeiner Schüler einzurichten.

Es iſt aber, ſich genaue Kenntniß von den Anlagen jedes einzelnen Schülers zu verſchaffen, nicht weniger ſchwer als wichtig. Denn, wenn es ſchon für eine der ſchwierigſten Auf⸗ gaben gehalten wird, das Innere oder Geiſtige des Menſchen in ſo weit kennen zu lernen, um dadurch unſer Verhalten ge⸗ gen die Menſchen für uns vortheilhaft einzurichten, ſo kann die Aufgabe des Erziehers nicht leichter ſein, welcher Men⸗ ſchenkenntniß zum Zweck der Menſchenbildung ſucht, nicht leich⸗ ter insbeſondere die Aufgabe des Lehrers, welcher das Erkennt⸗ nißvermögen des Menſchen erforſchen ſoll, um durch Unterricht zur Bildung deſſelben beizutragen.

In den mir bekannten pädagogiſchen und didaktiſchen Wer⸗ ken ſind über den fraglichen Gegenſtand nur ſehr ſparſame Winke gegeben; auch kenne ich nur zwei Schriften, deren In⸗ halt etwa hierher gerechnet werden könnte, eine von Huarte*),

*) J. Huarte Examen de Ingenios para las sciencas. Leyde 1652, zuerſt Madrid 1366. Deutſch unter folgendem Titel:Johann Huarte's Prüfung der Köpfe zu den Wiſſenſchaften, aus dem Spa⸗ niſchen überſetzt von Gotthold Ephraim Leſſing. Zweite verbeſ⸗ ſerte, mit Anmerkungen und Zuſätzen vermehrte Auflage von Jo⸗ hann Jacob Cbert u. ſ. w. Wittenberg und Zerbſt 1785. Dieſes Buch, ſtehend auf dem naturwiſſenſchaſtlichen Standpunkte ſeiner Zeit, gibt wenig Aufſchluß über das, was der Titel erwarten läßt, und beſchäftigt ſich hauptſächlich mit der Unterſuchung der ſogenann⸗ ten Temperamente. Auf dieſe Weiſe wird z. B. erklärt, warum ein weiſer und tugendhafter Mann, der vorher in Armuth und Ver⸗ achtung gelebt hat, wenn er zu einer großen Ehrenſtelle erhoben wird, ſogleich alle ſeine Gewohnheiten und ſogar ſeine Art zu den⸗