Aufsatz 
Die Vaterlandsidee in der Erziehung. Rede, gehalten bei der Schlußfeier des Schuljahres 1874/75, am Sedanstage / Aloys Denk
Entstehung
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nation oder Verſtocktheit, nicht zu wildem Trotz oder Heuchelei, wohl aber zu jener Sophroſyne der der Alten, welche zu allen Bürgertugenden geſchickt macht.

Das Dritte und Höchſte, was man von einer nationalen Erziehung des aufwachſenden Ge⸗ ſchlechtes erwarten darf, iſt endlich die Pflege des idealen Sinnes. Ja, inmitten der brandenden Wogen des Materialismus ſollen die höheren Bildungsanſtalten die treuen Hüter und Wächter der Idealität ſein und bleiben, in welchen das heilige Feuer genährt und erhalten wird, an deſſen Glut ſich die Flamme der Begeiſterung für alles Edle und Große zu entzünden vermag. Iſt dies für Gymnaſien eine ſelbſtverſtändliche Wahrheit, ſo gilt ſie doch nicht minder für ſolche Anſtalten, die, wie die Realſchulen, ihre Entſtehung zum guten Theil gerade den materiellen Bedürfniſſen des Lebens verdanken.

Je größer nun für die mannigfachen bürgerlichen Berufskreiſe die Gefahr iſt, über dem Utili⸗ tätsprincip die höheren Ziele aus den Augen zu verlieren, um ſo mehr wird die Schule daran feſt⸗ halten, daß aus der Idee, und aus ihr allein, wo ſie zum Leben durchdringt, unermeßliche Kraft und Stärke quillt. Kraftlos und ohnmächtig und langſam hinſiechend, ſo lehrt mit unumſtößlicher Ge⸗ wißheit die Geſchichte, iſt allzeit ein Zeitalter geweſen, das der Ideen entbehrte; was immer aber von Anbeginn der Zeiten Großartiges und Herrliches in Kunſt und Wiſſenſchaft geſchaffen worden; wo immer im Leben der Völker und Staaten glanzvolle Errungenſchaften begegnen: jeder wahrhafte Fortſchritt, er iſt hervorgegangen aus freudiger und voller und uneigennütziger Hingabe an's Ideale.

Wie hat der Cultus des Schönen dem Griechenvolke unvergänglichen Ruhm gebracht, und ſchöpfen nicht heute noch alle künſtleriſchen Beſtrebungen ihre kräftigſte Nahrung aus jenen koſtbaren Schätzen des helleniſchen Alterthums? Wie ſchlägt aber erſt das Herz des Knaben höher, wenn er der Erzählung lauſcht von jenen heldenmüthigen Kämpfen für nationale Unabhängigkeit; und welcher deutſche Jüngling ſollte nicht in thatkräftiger Liebe erglühen für ſein eigen Vaterland, wenn er alle die Großthaten bewundert, die nur möglich waren, weil bei der griechiſchen Jugend die harmoniſch veredelte Bildung des Leibes und Geiſtes ganz und gar dem Dienſte des Vaterlandes geweiht war; weil die patriotiſche Idee alle geiſtigen und ſittlichen Kräfte herangebildet hatte!

Und wenn ferner unſrer Jugend zum klaren Verſtändniß und Bewußtſein kommt, daß die welt⸗ beherrſchende Kraft des Römerthums auf nationale Tugenden gegründet war, mit deren allmählichem Verſchwinden auch jene dahinſank, da drängt ſich doch wohl von ſelber die lebendige Ueberzeugung auf, daß ähnliche Urſachen auch heute noch ähnliche Wirkung üben werden. Alſo nicht in unerſätt⸗ lichem Streben nach Weltherrſchaft, wie es ſo offenbar die Keime des Todes in ſich birgt, darf Rom, ſo werden ſich Deutſchlands Söhne ſagen, uns als ideales Vorbild dienen; wohl aber werden ſtrenge Zucht des Willens, kriegeriſche Tüchtigkeit, Kenntniß der heimiſchen Geſetze, das Studium der vater⸗ ländiſchen Geſchichte, Uebung in der Rede, kurz die Pflege alles wahrhaft Nationalen und Idealen auch für alle Zukunft jene Hingabe ans Vaterland erzeugen, welche im Falle der Nothwendigkeit für jeden Einzelnen wieder das hochſinnige Römer⸗Wort zur Wahrheit werden läßt:

Dulce et decorum est pro patria mori, Süß iſt der Tod für's Vaterland!

Aus dieſen Andeutungen werden Sie, Hochverehrte Anweſende, bereits entnommen haben, wes⸗ halb die Schule auf die zuletzt berührte Seite der Erziehungskunſt, auf die Erweckung und Förderung des idealen Sinnes, ſo hohen Werth legen muß.

Fürchten wir nicht, daß ein unklar phantaſtiſches Schwärmen in träumeriſchen Vorſtellungen die unzeitige Frucht einer ſolchen Erziehung ſein werde. Nein, wenn anders die Aufgabe mit dem rechten Verſtändniß gelöſt wird, ſo gilt es ja nur, die geiſtigen Schwungfedern der Jugend zu ent⸗