§ 6. Naumachios.
Das moralische Lehrgedicht des N aumachios, von dem sich 73 Verse in drei Bruch- stücken!¹) erhalten haben, wurde von Brunck für das Werk eines christlichen Verfassers ge- halten. Was uns vorliegt sind„Vorschriften über die Ehe“(yauιxd xaοαεᷣμαa?) vom Stand- punkt einer gesunden Lebensweisheit aus, ohne specielle Einmischung religiöser Ideen. Wenn zu Anfang die Ehelosigkeit der Jungfrau und ihr Leben in philosophischer Beschaulichkeit ge- priesen und gegen das Ende sowohl auf die Werthlosigkeit von Gold, Silber, Edelsteinen u. S. w. (59 ff.) als auch auf die Hinfälligkeit des menschlichen Leibes(v. 71) hingewiesen wird, so sind diese Gedanken weder den heidnischen Philosophen und Dichtern) ganz fremd, noch eigen- thümlich christlich. Vielmehr sind es genau die Grundanschauungen der Sittlichkeit, welche wenigstens schon seit der Mitte des 2. Jahrhunderts vor Chr. ¹) unter gewissen Secten der Alexandrinischen Juden gehegt wurden. Die Essäer machten bekanntlich die Enthaltsamkeit von allem Irdischen zu ihrer Haupttugend, auch in Betreff der Ehe?), ohne sie ganz zu ver- werfen), sie waren Verächter des Reichthums!) und lehrten die Unsterblichkeit der Seele. ¹) Dass ein christlicher Dichter sich mit so leisen Andeutungen seines Glaubens begnügt haben sollte, ist schwer zu glauben. Will man sich den Gegensatz christlicher Auffassung über den- selben Gegenstand recht deutlich machen, muss man z. B. das Taoνεενν ταρς Ouννμ᷑ρα oder die uxodjcur aopewoig des Gregor von Nazianz“) lesen. Hierdurch werden wir für die Zeit des Naumachios auf das erste nachchristliche oder das erste vorchristliche Jahrhundert geführt, und er könnte gleichzeitig sein mit dem anonymen Verf. des Carmen Pseudo-Phocy- lideum, der ebensowenig deshalb weil er v. 13 xœονενιν τοεtν anempfiehlt ein christlicher Dichter ist. Diesen übertrifft Naumachios indess bei weitem in der Form. Nicht nur ist die Darstellung klar, verständig, auch nicht schmucklos, bei weitem weniger nüchtern und trocken
ist genau das des Dionysios Periegetes ¹) und des Nikandros. Die Schwäche, dass der be-
stimmte Artikel einigemal in prosaischer Weise steht(11. 30), theilt N. mit manchem älteren
Didaktiker. Merd c. gen. kommt nicht vor, wohl aber, wie bei den älteren Dichtern, nicht nur
Gνν(23) in gewöhnlicher Weise, sondern auch uera*ꝓœσν in völlig richtiger Anwendung(37) d24“ räoous örgvve uera ꝗ†œ veiuee Sdεeν.
1) Stob. Flor. 68. 74. 93. Gaisford Poetae Min. Gr. III, 261 sqq. 2) Diesen Titel entlehnte Brunck aus der Ueberschrift von Serm. LXXIV des Stobäos. 3) Z. B. Eurip. Med. 250 ff. 4) Ioseph. Antiqu. Iud.
13, 5, 9 nœxd r6ν ·ονν τονστοπ(um 143 vor Chr.) roeés afosceis oαeꝙ rν ouαtν..... 6 ¹, be DPaοιασαονευϑςν˙ε,* d ½ EMοααμασεον,— rolrn d 8 Eooνσπννν 5) Philon. Fragm. II p. 633, ed. Mangey (αe.μα παασοαευ⁸); loseph. b. Iud. 2, 8, 2(v⁴uον dxsopta). 6) Ioseph. I. l. r6v ½n„νον ν‿ς 11* 8½
aνron dιααοσνν od drdiοbvreg, rde ò rär Tuνdαmνν ἀmςσεα*νεες σ³ασασσe&εενοον ué. Vgl. ib. 13. Da die strengste Secte derselben(vielleicht die Therapeuten) die Ehe ganz verschmähten, bildeten sich daraus die fabelhaftesten Gerüchte, welche man bei Plin.(H. N. 5, 17(15), 73) und Solin.(35, 9— 12= p. 172 sq. Mo.) nachlesen kann.
7) Philon. I. c. 6¼[G stæ soœoοral; Ioseph. b. Iud. 2, 8, 3 ncœraooownhral naourov. 8) Ioseph. Antiq. lud. 18, 1, 5; b. Iud. 2, S, 11. 9) Jenes Epist. 6(II, 2, 6 bei Caillau), diese Moral. Carm. 2(, 2, 2 bei Caillau). 10) Siehe Abhandlung II, Seite 85, Anm. 2.


