Aufsatz 
Über die "Erziehung zur Freiheit"
Entstehung
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aus den bekannten, oder wenigſtens nicht unzugäng⸗ lichen, Erziehungsgrundſätzen der Jeſuiten ſich er⸗ weiſen laſſen.

In den für den Lehrer der niederen Klaſſen gegebenen Regeln(aus der Ratio studiorum Teil II. Cap. 3) ¹) heißt es:Die Jünglinge, welche in die Zucht der Geſellſchaft übergeben ſind, unter⸗ weiſe der Lehrer ſo, daß ſie mit den Wiſſenſchaften zugleich und vor Allem den Chriſten wür⸗ dige Sitten erlangen. Deſſen Abſicht gehe beſonders dahin, ſowohl in als außer den Vor leſungen die zarten Seelen zum Gehorſam und zur Liebe zu Gott und den Tugenden vorzube⸗ reiten. Er wird ſie anhalten, täglich zu Gott und der heiligen Jungfrau zu beten, am Abend ihre Gewiſſenserforſchung zu machen, fleißig und wohl vorbereitet die hl. Sakramente der Buße und des Altares zu empfangen, böſe Geſellſchaften zu fliehen, die Sünde zu verabſcheuen und die chriſtlichen Tugenden zu üben.... Er bete oft zu Gott für ſeine Zöglinge und erbaue ſie durch die Beiſpiele ſeines religiöſen Lebens..... Jn Betreff der Disciplin wird betont: Es ſei die Hauptſorge des Lehrers, daß die Schüler ſowohl das was in ihren Regeln ſteht, beobachten, als auch das, was über die Studien dort geſagt wird, vollziehen. Dies wird er leichter durch Hoffnung auf Ehre und Preis, und durch Furcht vor Schande, als durch Schläge erreichen. Auch ſei er im Strafen nicht raſch und im Unterſuchen nicht übertrieben, und er ſchlage nicht nur keinen ſelbſt(das ſoll durch den Correktor geſchehen), ſondern er enthalte ſich durchaus, Schmach durch Wort oder That zu verhängen.... Er ſei endlich in allem mit Gottes Gnade fleißig, und für die Fortſchritte der Studenten ſowohl in den Vor⸗ leſungen als in andern litterariſchen übungen eifrig. Die hinſichtlich der Strafen gegebenen Vor⸗

¹) Rat. stud. iſt der erſte und älteſte Lehrplan der Jeſuiten; er wurde 1588 von ſechs Vätern des Ordens entworfen, zehn Jahre lang ſorgfältig erwogen und geprüft und erſt 1599 unter dem General Claudius von Aquaviva veröffentlicht. Über 200 Jahre blieb dieſer Plan unver⸗ ändert und auch der neueſte offizielle Lehrplan, welcher 1832 unter dem General Roothaan erſchien, weicht nur in einigem und ſehr vorſichtig den Anforderungen der Zeit. So Kellner. I. c. I. p. 246. cf. Rolfus und Pfiſter. II. Band p. 584, auch für das Folgende.

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ſchriften lauten ſo: Dem Magiſter muß es eine unzweifelhafte Sache ſein, daß man Jünglinge mehr ſanft und gütig, als ſtreng und hart halten müſſe. Als Hauptgrundſatz aller Strafen gilt, daß man jeden in der Art und Weiſe büßen laſſe, in welcher er ſich verfehlt hat. Wer alſo im göttlichen Dienſte träg und nachläſſig iſt, der ſoll durch ein frommes religiöſes Werk, welches ihm außerhalb der gemein⸗ ſamen Ordnung auferlegt wird, für ſein Vergehen büßen; wer ſich aber im Studium Naghläſſigkeit hat zu Schulden kommen laſſen, dem ſoll als Strafe auch außer der Ordnung etwas zum Studieren auf⸗ gegeben werden.... Körperliche Strafen kommen nur im äußerſten Falle bei ganz gemeinen Ver gehen und abgefeimter Bosheit zur Anwendung. Soweit über die Erziehungsgrundſätze der Jeſuiten. Wir ſind der Anſicht, daß es denſelben an einer ſoliden Grundlage für die Autorität nicht gebricht, ja wir behaupten, daß davon mancher Pädagoge unſers weiſen Jahrhunderts noch etwas lernen könnte. Thatſächlich finden wir in pädagogiſchen Schriften, in Verfügungen der Behörden, ſelbſt in parlamentariſchen Verhandlungen nicht ſelten An klänge an die oben angeführten Geſichtspunkte. Was nun die Beurteilung der Leiſtungen auf dem Gebiete der Erziehung und des Unter⸗ richtes angeht, ſo wollen wir noch kurz einige Ein⸗ würfe oder Bedenken erwähnen, um das oben Geſagte zu ergänzen. Zunächſt haben allerdings die Jeſuiten den höheren Unterricht betont; die Elementarbildung war aber hierfür die not⸗ wendige Vorausſetzung und wurde ſomit indirekt auch gefördert. Wenn auf das Lateiniſche gegen⸗ über der Mutterſprache beſonderer Nachdruck gelegt wurde, ſo lag der Grund hierfür im Gegenſatz zu den einſeitigen und bedenklichen Beſtrebungen vieler Humaniſten, die klaſſiſchen Studien an die Stelle der philoſophiſch⸗theologiſchen zu ſetzen. Da mußte die Sprache der Kirche gut gepflegt werden, und ihre conſtante, feſte Selbſtſtändigkeit bot die ſicherſte Garantie gegen die Neuerungsſucht des 16. Jahrhunderts und wahrte am beſten die lebendige Verbindung mit der Kirche. Die Jeſuiten ſtellten