Aufsatz 
Über die "Erziehung zur Freiheit"
Entstehung
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wohl der Verfaſſer, unterdeutſcher Erziehung im 16. Jahrhundert?) Ganz anders urteilt Dittes: ¹)Die didaktiſchen Leiſtungen der Jeſuiten fanden ſehr bald, auch unter Proteſtanten, großen Beifall; einer ihrer erſten Lobredner war Joh. Sturm (ſeit 1537 Schulrektor in Straßburg, ſtarb 1589). In der That haben ſie die Methodik des Gymnaſial⸗ unterrichtes gefördert, ihre Lehrgänge waren ſorg⸗ fältig berechnet und ausgearbeitet... Auch ihre erziehlichen Grundſätze und Veranſtaltungen waren teilweiſe wirkliche Fortſchritte zum Beſſern; ſie zeugen von großer Menſchenkenntnis und nähern ſich der anthropologiſchen Geſtaltung der geſamten Pädagogik. Hierher gehört ſchon das Maßhalten und die Okonomie in der Bildung des Geiſtes, ferner die geregelte Zucht und Pflege des Leibes, welche von den proteſtan⸗ tiſchen Schulpedanten faſt ganz ignoriert wurde. Noch mehr der Anerkennung ſpricht der oben erwähnte Profeſſor Paulsen ²2) aus:Die Ge⸗ ſellſchaft Jeſu war von den alten Orden ihrem ganzen Weſen nach verſchieden. Sie hatte nicht zur Abſicht ihre Mitglieder aus der Welt herauszuführen, um ſie durch Askeſe für den Himmel zu bereiten; ſie führte ſie mitten in die Welt hinein, um die aus den Fugen gehende Welt der Kirche wieder unterthan zu machen. Vor allem bot der neue Orden an, was eben jetzt der Kirche am erſten und meiſten notthat, beſſeren Unterricht und beſſere Erziehung des Klerus... Alle, auch die katholiſchen Territorien, waren von dem humaniſtiſchen Heiden⸗ tum und von dem Gift der Ketzerei mehr oder minder angeſteckt. Dieſen für den Beſtand der Kirche äußerſt bedrohlichen Übelſtänden zu begegnen hatte der Orden von Anfang an ſich als weſentliche Aufgabe geſetzt... Der Unterricht wird aber nicht bloß den Mitgliedern verordnet, ſondern auch den Externen angeboten. Die Kollegien der Jeſuiten ſollen nicht bloß Erziehungsanſtalten für die Ordens⸗ novizen, ſondern zugleich öffentliche Gymnaſien und Univerſitäten ſein. Nach einer Darſtellung der Ausbreitung und Wirkſamkeit des Ordens ſtellt

¹) I. c. p. 889. ²) I. c. p. 262.

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dann Paulsen die Frage:Worin lag das Ge⸗ heimnis der Kraft dieſer Menſchen? Darin, daß ſie Männer an Bosheit waren, wie Raumer ſein Urteil formuliert? Daß ſie ſchlauer als alle übrigen die Leichtgläubigkeit der Maſſen, die politiſche Rat⸗ und Hilfsloſigkeit der Regierenden gegen die Revolution ausbeuteten? Mir ſcheint, ſo antwortet Paulſen, das heißt der Lüge mehr zu trauen als ſie leiſten kann. Nach einem alten Wort iſt der Stärkſte derjenige, der ſich ſelbſt überwindet. Vielleicht will das Wort nicht bloß ſagen, daß die größte Kraft hierzu erforderlich ſei, ſondern auch, daß die größte Wirkung von ſolchen ausgehe. Ich glaube nun, daß es nie eine Geſellſchaft von Menſchen ge⸗ geben hat, welche in der Bändigung der eignen natürlichen Triebe, in der Zurückdrängung der individuellen Begierden durchgängig es weiter gebracht hat als die Jeſuiten. Große Individua⸗ litäten treten in der Geſchichte des Ordens nicht hervor, der Poeſie bietet er wenig Stoff, aber jederzeit beſaß er eine große Menge durchaus zuverläſſiger, ſicher wirkender Kräfte. Es iſt in ſeiner Thätigkeit etwas von der ſtillen, aber unaufhaltſamen Wirkungsweiſe der Naturkräfte; ohne Leidenſchaft und Kriegslärm, ohne Auf⸗ regung und überſtürzung dringt er Schritt vor Schritt vor, faſt ohne jemals einen zurückzuthun. Sicherheit und überlegenheit charakteriſieren jede ſeiner Bewegungen. Freilich ſind das nicht Eigenſchaften, die liebenswürdig machen; liebens⸗ würdig iſt niemand, der ohne menſchliche Schwäche iſt[2J. Vollkommene Leidenſchaftloſigkeit hat eher etwas Furchtbares und Unheimliches. Nachdem wir einige Urteile über den Jeſuiten⸗ orden im allgemeinen zuſammengeſtellt, müſſen wir die Behauptung der Theſe 4 prüfen, daß der Je⸗ ſuitismuseine falſche Autorität auspräge, welche die Pflicht des Gehorſams gegen eine menſch⸗ liche Autorität einſchärfe, ohne ſie mittelſt des göttlichen Wortes zum rechten Gebrauch ihrer Rechte und ſomit zur ſittlichen Freiheit zu führen. Eine ſolch kühne Behauptung müßte doch zunächſt