noch die Furcht, er möge, während er andern predigt, ſelbſt verloren gehen. So hat der Apoſtel auch uns ſelbſt angeleitet, da er ſpricht: „Wirket euer Heil in Furcht und Zittern.“ Wir können alſo das Wort der Theſe 4„im Anſchluß an den Apoſtel Paulus“ nicht gelten laſſen da, wo es ſich um ſpezifiſch proteſtantiſche Anſichten handelt. Das aus den, recht verſtandenen, pauliniſchen Briefen entworfene Freiheitsideal iſt eben chriſtlich, und darum katholiſch, und war es von jeher. Die Kirchenväter und die Theologen vor Luther haben die Sittlichkeit ganz gewiß auch als„ein ſtetes Ineinander von Pflicht und Recht“ gekannt wie Luther, und auch ſie haben die„Sittlichkeit auf den Glauben an Chriſtus gegründet, welcher den Menſchen innerlich umwandelt und erneuert.“ Dem— nach beanſpruchen wir, was die Theſe 4 der Refor⸗ mation zuſchreibt, ganz einfach und unbedingt für das Chriſtentum als ſolches, auch wie es vor der Neuerung des 16. Jahrhunderts geweſen.— Damit können wir überleiten auf das in derſelben Theſe vom„ZJeſuitismus“ Behauptete.
Derſelbe ſoll„die falſche Autorität ſcharf ausprägen, welche die Pflicht des Gehorſams gegen eine menſchliche Autorität einſchärft, ohne ſie mittelſt des göttlichen Wortes zum rechten Gebrauch ihrer Rechte und ſomit zur ſittlichen Freiheit zu führen.“ Den Satz, daß der Jeſuitismus die Autorität ſcharf ausprägt, wollen wir dem Herrn Collegen gern unterſchreiben, nicht aber den Zuſatz,„ohne u. ſ. w. — Im Gegenteil hat gerade deshalb der Jeſuitismus, oder ſagen wir einfach, haben die Jeſuiten einen ſo nachhaltigen Erfolg auf allen geiſtigen Gebieten, namentlich auf dem der Erziehung, erzielt, weil die von ihnen betonte und benutzte Autorität auf die höchſte, göttliche Autorität zurückgeführt wird. — Zwar wird in manchen, von proteſtantiſchem Standpunkt herausgegebenen Werken(z. B. in der Encyklopädie von Schmitt) ohne weiteres behauptet, „der Orden der Jeſuiten habe bei allem als letzten Zweck nicht das Wohl des einzelnen Menſchen, auch nicht das Wohl der menſchlichen Geſellſchaft, ſondern lediglich das der römiſchen Kirche, oder vielmehr
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ſein eignes gehabt.“ Allein nach katholiſcher Auf⸗ faſſung deckt ſich das Intereſſe der Kirche,(welches allerdings den Neurern des 16. Jahrhunderts gegenüber die Jeſuiten ſcharf betonten) vollkommen mit den wahren Intereſſen des einzelnen Chriſten und damit der chhvriſtlichen Geſellſchaft.— Wir wollen verſuchen, dieſes näher darzuthun, indem wir die Erziehungsgrundſätze der Jeſuiten und die hieraus erfließenden Reſultate kurz beſprechen. Vorausſchicken wollen wir einige Stellen aus pädagogiſchen Schriften über die Jeſuiten— in Bezug auf Erziehung und Bildung.— Dr. Karl Schmitt ſagt in ſeiner Geſchichte der Erziehung und des Unterrichtes: ¹)„Der Jeſuitismus repräſentiert die Reformation innerhalb des Katholicismus und zugleich die Oppoſition gegen den Proteſtantismus. Er wendet ſich an die Zweifelsmündigkeit[?!] und an die Sinnlichkeit, an den Ehrgeiz und an die Habſucht der Menſchen. Die Freiheit der Re⸗ formation bekämpft er mit ſeiner Freiheit, die in der Verneinung der Freiheit und damit in der Ver⸗ neinung des Menſchenweſen, der Sittlichkeit, des Chriſtentums beſteht. Aber mit ſcharfem Verſtande — und nur Verſtandsmenſchen, die den Menſchen für ein wildes Tier halten,[— alſo Ver⸗ ſtandesmenſchen, welche den Menſchen, dann doch wohl auch ſich ſelbſt, für ein wildes Tier halten! Das citierte Werk iſt für Schul⸗ und Predigtamts⸗ kandidaten geſchrieben—] um es beherrſchen zu können, gehören ihm an und ſind ſeine wahren, ihm ergebnen Werkzeuge— verfolgt er ſeine Zwecke. „In Kirche, Schule und Familien drang er mit ſeinen Lehren und Grundſätzen. Der einzelne erhielt und erhält die ſeinen Talenten angemeſſener Stellung.“— Von dem Stifter des Jeſuitenordens wird dann geſagt,„daß er die Erziehung ſelbſt in ein Syſtem gebracht habe, das in ſeiner Art als ein vollkommenes Meiſterwerk erſcheine.“(NB.„wilde Tiere und vollkommnes Meiſterwerk der Erziehung“l). Freilich wird ſpäter auch geſagt:„Die deutſche Erziehung hat in der jeſuitiſchen Erziehung einen vollendeten Gegenſatz gefunden.“(Was denkt ſich
1) 3. Auflage, von W. Lange, Köthen 1876, pag. 225.


