Aufsatz 
Über die "Erziehung zur Freiheit"
Entstehung
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die hl. Schriften hineingelegt. Das beweiſt doch ſchon zur Genüge die bekannte Änderung, um nicht zu ſagenEntſtellung, im Römerbrief 3,28., wo nachfides das Wortsola(in Luthers Bibelüberſetzung) eingefügt wurde. Von den Com⸗ mentaren zum Römerbrief und Galaterbrief wollen wir nur kurz ein Wort Möhler's anführen. 1)Der Glaube, wie ihn Luther lehrt, daß neben dem Glauben noch die größten Sünden begangen werden könnten, iſt doch wohl der Glaube nicht, den uns der hl. Paulus empfiehlt, obſchon ſich Luther immer auf dieſen Apoſtel beruft. Wie ſich Luther den Glanben dachte, geht aus der Stelle in der Schrift De captivit Babyl.(Tom. II. fol. 264) neben vielen andern hervor: Nun ſiehſt du, wie reich der Chriſt oder der Getaufte iſt; denn, auch wenn er will, kann er ſein Heil nicht verlieren, ſo groß auch ſeine Sünden ſein mögen, es ſei denn, er wolle nicht glauben. Keine Sünde kann ihn verdammen als der Unglaube allein. Wenn der Glaube an die göttliche, in der Taufe gegebene Verheißung zurückkehrt oder gar nicht gewichen iſt, ſo wird alles Andere durch den Glauben, oder vielmehr die Wahrhaftigkeit Gottes in einem Augenblick verſchwinden; denn er ſelbſt kann ſich nicht verleugnen, wenn du ihn bekennſt und treulich ſeinen Verheißungen dich hingibſt. Reue aber, und das Bekenntnis der Sünde, und dann auch die Genugthuung, und alle jene durch Menſchen erfundenen Beſtrebungen werden dich ſchnell verlaſſen und unglückſeliger machen, wenn du dieſe göttliche Wahrhaftigkeit vergiſſeſt und in jene Dinge dich einläſſeſt. Eitelkeit über Eitelkeit und Betrübnis des Geiſtes iſt alles, was außerhalb des Glaubens an die Treue Gottes angeſtrebt wird.

Dieſer ſelbe Glaube nun wirkt nach Luthers Lehre die Liebe in dem Wiedergebornen. In ſeinen Schriften finden ſich eine Reihe von Stellen, die faſt katholiſch lauten. Hierher gehören die Schriften von der chriſtlichen Freiheit und den guten Werken. In der Vorrede zur Erklärung des Römer⸗ briefes leſen wir:Der Glaube iſt ein göttliches

¹) Symbolik.

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Werk in uns, das uns umändert, uns Gott wieder⸗ gebiert, den alten Adam ertötet, und uns ganz in andere Menſchen, im Herzen, im Gemüte und in allen unſeren Kräften gleichſam umbildet und uns den heiligen Geiſt mitteilt. Dieſer Glaube iſt etwas Lebendiges, Wirkſames, ſo daß es unmöglich iſt, daß er nicht immer Gutes wirkt. Auch frägt der Glaube nicht erſt, ob gute Werke zu thun ſeien, ſondern bevor er ſich danach erkundigt, hat er ſchon viele gute Werke verrichtet, und immer iſt er be⸗ ſchäftigt im Wirken.

Möhler bemerkt zu dieſer Stelle:Hier wird im liebenswürdigſten Widerſpruche mit dem Begriffe der lutheriſchen Rechtfertigung eine Er⸗ neuerung und eine Umwandlung des ganzen innern Menſchen gelehrt. Der Glaube erſcheint als die aus dem Vereine aller den inneren Menſchen conſtituierenden Kräfte hervorgegangene Blüte, als eine Äußerung der Geſamtthätigkeit derſelben, und der Macht des Heilandes über Sünde und Tod iſt ein kräftiges Zeugnis gegeben. Auch im Briefe an die Galater nennt er den Glaubendas recht⸗ ſchaffne Herz, den grundguten Willen und den neu geſchaffenen Verſtand oder Vernunft.Auch hier will Luther ſagen, der Glaube ſei eine Wirkung aller geiſtigen Kräfte des Menſchen zumal, wenn ſie durch den göttlichen Geiſt gereinigt und verklärt ſeien. Was nun ſpeciell den Galaterbrief angeht, ſo meint der Völkerapoſtel unterFreiheit des Evangeliums nichts Anderes als die Freiheit von der Verpflichtung des jüdiſchen Ceremonial⸗ und Judicialgeſetzes, nicht aber die Entbehrlichkeit der guten Werke. Der Glaube, wie ihn Paulus lehrt, verdrängt nicht die werkthätige Liebe, ſondern fordert dieſelbe, und zwar ſind die durch die vom Glauben eingegebene und bedingte Liebe gewirkten, zugleich aber auch ſittlichen freien, eignen guten Werke eben darum verdienſtlich, um die Vermehrung der heilig⸗ machenden Gnade und die Seligkeit ſelbſt zu er⸗ langen. Durch dieſe Lehre wird ganz gewiß das Verdienſt Chriſti nicht verringert, ſondern eher er⸗ höhet. Der Apoſtel Paulus hat, bei ſeinem Glauben, der ganze Nationen der Kirche Chriſti gewonnen, doch