Aufsatz 
Über die "Erziehung zur Freiheit"
Entstehung
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ſollen, und daß die Prälaten der Kirchen und andere, welchen dieſe Pflicht von amtswegen obliegt, ſorgfältig Fürſorge treffen, daß die Erzieher und Lehrer tüchtig und rechtſchaffen und durchaus un⸗ beſcholtenen Lebenswandels ſind. In gleicher Weiſe iſt dieſes bei den Pfarrſchulen in den Städten und an den andern Orten unſrer Diözeſe und Pro⸗ vinz zu beachten. Wenn in denſelben an den oben Gemeldeten ein Mangel oder eine Vernachläſſigung eintritt, ſo ſollen die Pfarrgeiſtlichen dahin Sorge tragen, daß ſie es den betreffenden Ordinarien an⸗ zeigen. Dieſen machen wir es zur Pflicht, mit Aufmerkſamkeit darauf Acht zu haben, daß nichts von dem verſäumt wird, was zur wahren Bildung, oder zur Frömmigkeit und Gottesverehrung gehört. Eine ähnliche Verordnung hatte bereits i. J. 1183 eine Synode zu St. Omer) erlaſſen. Über dieſen Gegenſtand verweiſen wir, außer Jansen, Geſch. des deutſchen Volks, Bnd. I., auf das Pro⸗ gramm des Gymnaſiums zu Hadamar v. 1868 Aufſatz von Prof. Meisterdie deutſchen Stadt⸗ ſchulen und der Schulſtreit im Mittelalter.

Wie wenig der Umſturz der kirchlichen und politiſchen Verhältniſſe, welchen die Neuerung des 16. Jahrhunderts zur Folge hatte, dazu geeignet war, die Erziehung und Bildung zu fördern, darüber wollen wir ein Urteil anführen, dem kaum dürfte widerſprochen werden. Der Berliner Profeſſor Paulsen ſpricht ſich alſo aus:)Schon im Jahre 1524 waren auch dem Zlödeſten die Augen geöffnet. Die Univerſitäten und Schulen gingen unter den Stürmen des kirchlichen Kampfes beinahe ein; die theologiſchen Streitfragen nahmen ungeteilter als je alles Intereſſe in Anſpruch, die Poeſie und ſchönen Wiſſenſchaften wurden durch Maſſen politiſcher und kirchlicher Flugſchriften vom litterariſchen Markte verdrängt.... Der Huma⸗ nismus ging an dem Bunde mit der Reformation zu Grunde. Sollte dieſes Urteil nicht genügen, ſo ſei noch angeführt was Melanchthon ſelbſt über die Lage der wiſſenſchaftlichen Studien im 16.

1) cf.Geſchichtslügen. Paderborn und Münſter 1886. p. 407. ¹) Geſchichte des Gelehrten Unterrichtes, Berlin 1885 pag. 133.

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Jahrhundert ausgeſprochen:¹) In einem Anſchlag zu ſeinen Vorleſungen über griechiſche Autoren (Wittenberg 1531) heißt es:Ein Bettler ſoll Homer bei ſeinen Lebzeiten geweſen ſein, auch heute noch geht er betteln, nämlich nach Zuhörern, ſo groß iſt die Verachtung des Beſten. Im Jahre 1533 ſagte der genannte Reformator:Ich hoffte durch die Schönheit der zweiten olynthiſchen Rede die Zuhörer für Demoſthenes zu gewinnen. Aber taub iſt das Zeitalter für ſolche Autoren. Kaum einige Zuhörer hielten aus und dieſe nicht um des Griechen, ſondern um meinetwillen.

Wir haben verſucht, die mehrfach erwähnte Theſe 3 zu prüfen. Was in derſelben als Verdienſt der Reformation angegeben wird, konnte dieſelbe durch ihre neu aufgeſtellten Lehren nicht bieten. Ebenſowenig kann nachgewieſen werden, daß die Männer der Reformation ſelbſt oder diejenigen, die ihnen gefolgt ſind, ſoweit dieſes der Neuerung zu⸗ zuſchreiben iſt, derartige hochklingende, vielverheißende Redensarten rechtfertigten. Die Betrachtung der folgenden Theſe wird unſerm Urteil noch mehr Beweiskraft verleihen.

II.

Die vierte Theſe geht wiederum aus von dem durch Luther gezeichnetenFreiheitsideal. Dasſelbe ſoll ſich anſchließen an den Apoſtel Paulus. Daß die Lehren der Reformatoren über den urſprüng⸗ lichen Zuſtand des(erſten) Menſchen, über Freiheit (oder vielmehr Unfreiheit) des Willens, über das Verhältnis des menſchlichen Willens zur Gnade ein Freiheitsideal darſtellen, iſt nach den obigen Aus⸗ führungen nicht erſichtlich. Was ſoll aber der Apoſtel Paulus ſagen dazu, daß man das gerühmte Freiheitsideal dem großen Lehrer der Gnade zu⸗ ſchreiben will? Luther hat nicht durch das Studium der hl. Schrift, ſpeziell des Paulus, ſein Lehrſyſtem gefunden wenn überhaupt von einem Syſtem die Rede ſein kann ſondern er hat die ſeiner Geiſtesrichtung und ſeiner Gemütsverfaſſung ent⸗ ſprechende und daraus erfließende Auffaſſung in

¹) Bei Paulsen, pag. 138. 1. c.