reelle Gemeinſchaft mit dieſem, mit Chriſto, verſetze. Hierauf entgegnete Calvin: allerdings nehme auch er an, daß der Glaube keineswegs durch ſeine
innere Kraft rechtfertige; denn, da er immer ſchwach
und unvollkommen ſei, ſo würde er auch nur eine mangelhafte Rechtfertigung bewirken. Der Glaube ſei das Mittel(Organ), durch welches Chriſtus Gott dargebracht werde; er beſelige alſo den Menſchen, gleichwie ein irdenes Gefäß, in welchem ſich ein Schatz befinde, den Menſchen beglücke, obſchon es in ſich ſelbſt keinen Wert beſitze.— Der recht— fertigende Glaube als ſolcher wird alſo nicht als ein von dem Geiſte Chriſti ausfließendes, ſittlich ver⸗ wandelndes Lebensprinzip aufgefaßt, ſondern er verhält ſich zu Chriſtus, wie das irdene Gefäß zum Schatze. Wie dieſe beiden nicht Eins werden, das Gefäß irden, der Schatz golden bleibt, ſo wird auch der Gläubige mit Chriſtus nicht innerlich durch den rechtfertigenden Glauben vereinigt, ſie verhalten ſich nur äußerlich zuſammen; Chriſtus iſt der reine, der Menſch dagegen, obgleich er auf eine ganz gottgefällige Weiſe glaubt, innerlich unrein: Chriſtus wird vom Menſchen durch den Glauben, die Opfer⸗ ſchale, Gott dargebracht, ohne daß der Menſch ſelbſt durch Chriſtus ein Gott angenehmes Opfer und als ſolches gerecht wäre und infolge deſſen beſeligt würde.
Wie nun der Glaube, nach proteſtantiſchen Bekenntnisſchriften beurteilt, im Gegenſatz zur katholiſchen Lehre der„Kirche des Mittelalters“ erſt zu einer ſittlichen That des religiöſen Gewiſſens hätte erhoben werden können, vermögen wir nicht einzuſehen. Vielmehr iſt der Glaube, wie ihn die Reformatoren beſtimmen, weniger eine eigne freie That, als nach katholiſcher Lehre.„Und wenn Calvin, früher auch Luther, zwiſchen einem verborgenen und einem offenbarten Willen Gottes unterſcheidet, von denen der erſtere in dem Menſchen die Sünde wirke, während der letztere die Sünde verwerfe, ſo iſt dieſes unvereinbar mit dem Glauben an Gottes Wahrhaftigkeit und Heiligkeit.“ So Landener in Schmitt's Encyklop. Bd. II. unter„Freiheit des menſch⸗ liſchen Willens.“ Derſelbe Verfaſſer ſagt an einer
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anderen Stelle:„Der Glaube als Hinwendung des inneren Menſchen auf die rettende göttliche Gnade kommt aus dem Hören, aus der Selbſt— bezeugung Gottes, vor allem im Evangelium, durch welche der Menſch zur Buße, zur Erkenntnis ſeiner Sünde und Unfähigkeit, und des erlöſenden und verſöhnenden Heiles in Chriſto gerufen wird. Dieſen Ruf von außen, welchem die göttliche Lebensführung und das innere vorbereitende Wirken der Gnade zur Seite geht, kann der Menſch hören und ihm folgen oder nicht... Die Bibel weiß, recht ver— ſtanden, nichts von einer unwiderſtehlich wirkenden Gnade, wie auch nichts von einer Gabe der Be⸗ harrlichkeit, vermöge welcher der Erwählte ſelig werden müßte.“ Dieſe Sütze ſind der katholiſchen Lehre von dem Verhältnis des freien Willens zur Gnade ganz nahe. Es iſt das eine glückliche Incon— ſequenz gegenüber den proteſtantiſchen Bekenntnis⸗ ſchriften.
Es leuchtet ein, daß die beſprochenen Lehren der Reformatoren für die Betrachtung der menſch⸗ lichen Natur und deren Stellung gegenüber der Sittlichkeit eine beſſere Auffaſſung als die katho— liſche nicht gebracht haben. Werfen wir noch einen Blick auf den Einfluß der erwähnten Lehren auf das Gebiet der Erziehung und Bildung. Wenn auf irgend einem Gebiete, ſo mußte ſich hier das viel verheißende Wort der Theſe 3 zeigen,„daß die Reformation des 16. Jahrhunderts das unver⸗ äußerliche Recht und den ewigen Wert der einzelnen Perſönlichkeit auf allen Gebieten des Lebens zur Anerkennung gebracht habe.“ Wenn auch die Bildung oder der Unterricht, nicht das letzte und einzige Ziel der Erziehung iſt, ſo doch ein wichtiger Teil und ein wichtiges Mittel. An der Wertſchätzung der Bildung läßt ſich erkennen die Wertſchätzung der Erziehung. Grundſätze über Bildung ſind auch entſcheidend für die Erziehung. Und ſo begegnet man denn nicht ſelten der Behauptung, daß erſt durch Luther und die Reformation Volks⸗ bildung und Volksſchulen gekommen ſeien, wäh⸗ rend das Mittelalter in dieſer Beziehung ſo ziemlich nichts geleiſtet habe. So leſen wir bei


