Aufsatz 
Über die "Erziehung zur Freiheit"
Entstehung
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anderſeits, welche den Menſchen ¹) und die Pflicht des Gehorſams gegen eine menſchliche Autorität ein⸗

ſchärft, ohne ſie mittelſt des göttlichen Wortes zum rechten Gebrauch ihrer Rechte und ſomit zur ſitt⸗

lichen Freiheit zu führen. Was ſich der Ver⸗

faſſer unterJeſuitismus denkt, können wir nicht

wiſſen. Im Zuſammenhang mit dem in dem Vor

trage beſprochnen Thema kann nur die von den

Jeſuiten geübte Erziehung gemeint ſein, ſpeziell die

Erziehungsgrundſätze derſelben. Damit wäre ſo

ziemlich die Behauptung aufgeſtellt, daß die jeſui

tiſche Erziehung, reſp. Bildung auf einem Prinzip

aufgebaut ſei, welches die wahre chriſtliche Freiheit

nicht beſtehen ließe.

Wir wollen verſuchen zu zeigen, daß zwiſchen

der allgemein chriſtlichen Vorſtellung von Frei⸗ heit und Sittlichkeit und der katholiſchen ein Unterſchied nicht beſteht. Ferner verſuchen wir dar zuthun, daß die chriſtlichen und zugleich katholiſchen Prinzipien der Erziehung am allerwenigſten in der Erziehung der Jeſuiten fehlen. Wir hoffen damit zu zeigen, daß in den erwähnten Theſen der Refor⸗ mation des 16. Jahrhunderts Verdienſte zugemeſſen werden, welche ihr, inſoweit ſie die katholiſche Lehre geändert hat, nicht zukommen, daß ferner die gegen denJeſuitismus vorgebrachten Anſichten der Be gründung entbehren. Auf dieſe Weiſe glauben wir dem ſonſt ſehr anregenden Vortrag des Herrn Heinzelmann einige Geſichtspunkte beizufügen, welche die darin entwickelten Grundſätze noch mehr über⸗ zeugend erſcheinen laſſen. Vorurteile und verkehrte Auffaſſungen klarzuſtellen, gehört mit zu den Auf gaben der Wiſſenſchaft, und iſt außerdem eine gegenſeitige Pflicht für Erzieher.

I.

Vor allem wird es notwendig ſein, den Begriff Freiheit, und näherhinſittliche Freiheit zu erklären. 2) Nur auf dieſer Grundlage können

¹) So wörtlich in Nro. 11 der genannten Zeitſchrift, pag. 176. Durch Druckfehler muß nachden Menſchen etwas ausgefallen ſein.

) Nach Rolfus und Pfiſter, Realencyklopädie des Erziehungs⸗ und Unterrichtsweſens. Band 2, pag. 80 ff.(subFreiheit.)

wir den richtigen Maßſtab an die in den genannten Theſen aufgeſtellten Behauptungen anlegen. Hegel erklärt,daß man über keine Idee ſo wenig klares Bewußtſein habe, daß keine ſo unbeſtimmt, viel deutig und ſo großer Mißverſtändniſſe fähig ſei, als die Idee der Freiheit. Hier kommt zunächſt in Frage die moraliſche und pſychologiſche Seite der Freiheit. Und zwar müſſen wir uns auf den chriſtlichen Standpunkt ſtellen. DennErziehung zur Freiheit, von chriſtlichen Lehrern und chriſt⸗ lichen Schulen erſtrebt, iſt nur möglich auf dem Boden des Chriſtentums. Auch hierin führen wir den oben genannten Philoſophen an. Er ſagt: Ganze Weltteile, Afrika und der Orient, haben die Idee der Freiheit nie gehabt und haben ſie noch nicht; die Griechen und Römer, Plato und Ariſtoteles, auch die Stoiker haben ſie nicht gehabt; ſie wußten im Gegenteil nur, daß der Menſch durch Geburt (als atheniſcher, ſpartaniſcher u. ſ. f. Bürger) oder Charakterſtärke, Bildung der Philoſophie wirklich frei ſei. Dieſe Idee iſt durch das Chriſtentum in die Welt gekommen, nach welchem das Individuum (das menſchliche) als ſolches einen unendlichen Wert hat, indem es, Gegenſtand und Zweck der Liebe Gottes, dazu beſtimmt iſt, den Geiſt Gottes in ſich aufzunehmen und wohnen zu laſſen, d. i., daß der Menſch an ſich zur höchſten Freiheit beſtimmt iſt. So können wir alſo den Begriff der Freiheit da⸗ hin bezeichnen: Ganz allgemein gehalten iſt die Freiheit das Vermögen des Menſchen zur Selbſt⸗ beſtimmung. Inſofern nun die Freiheit ſich auf das ganze Leben des menſchlichen Geiſtes oder der Seele bezieht, nennen wir dieſelbe pſychologiſche, und inſofern ſie die unabhängige Wahl des Guten und Böſen bedingt, iſt es die moraliſche Selbſtbe⸗ ſtimmung oder Freiheit. Zu dieſem Vermögen der Selbſtbeſtimmung kommt nun aber noch das Wiſſen um dieſe Selbſtbeſtimmung. Jenes Ver⸗ mögen als Anlage iſt ja auch in dem Kinde; zur Freiheit im eigentlichen Sinne wird es aber erſt, wenn das Kind weiß, daß es frei iſt. Demnach iſt die Freiheit das Vermögen der bewußten Selbſtbeſtim⸗ mung. Nun iſt aber ferner die Freiheit wie jede