Aufsatz 
Über die "Erziehung zur Freiheit"
Entstehung
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Aber dieErziehung zur Freiheit.

Vom Religionslehrer Anton Eyſert, Oberlehrer.

Dieſe WorteErziehung zur Freiheit bilden die überſchrift zu einem Vortrag, welcher am 11. September 1887 von W. Heinzelmann(Erfurt) zu Halle gehalten wurde. abgedruckt in den Blättern für höheres Schulweſen. 5. Jahrgang Nr. 9 und 11. An den Vortrag werden einige Theſen gereiht, von denen die 2. alſo lautet: Die durch das deutſche Freiheitsideal geſtellten Forderungen finden ihre volle Erfüllung allein in dem chriſtlichen Glauben, welcher den Menſchen in den Stand ſetzt, das höchſte Ziel der Erziehung, die ſittliche Freiheit, in der perſönlichen, durch Chriſtus, den Weltheiland und Gottesſohn, wieder hergeſtellten und vermittelten Gemeinſchaft mit Gott zu erreichen, indem er ihn auf dem Wege der Heiligung ſtufenweiſe zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes führt. Dieſe Theſe, ſowie der Vor⸗ trag ſelbſt, iſt eingegeben von dem chriſtlichen Be⸗ wußtſein des Verfaſſers, und kann deshalb auch von einem katholiſchen Pädagogen durchaus ange⸗ nommen werden.

Nun folgen aber einige andere Theſen, welche eine Beſprechung, reſp. Widerlegung erheiſchen, da ſie diktiert ſind von einem einſeitig proteſtantiſchen Standpunkt und deshalb nach unſerer Meinung wenigſtens in einer für alle höhere Lehranſtalten ohne Unterſchied des Bekenntniſſes, beſtimmten Zeitſchrift doch wohl beſſer nicht erſchienen wären. Die katholiſchenhöhern Schulen gehören denn doch auch zu den Anſtalten, deren Intereſſen die ge⸗ nanntenBlätter vertreten. Und dieſe Intereſſen ſind

doch nicht bloß materielle. Die Theſe 3 behauptet: Durch die Reformation des 16. Jahrhunderts ſind die durch die mittelalterliche Kirche gebundenen weltüberwindenden und weltdurchdringenden ſittlichen Kräfte des Chriſtentums entbunden, indem das unveräußerliche Recht und der ewige Wert der einzelnen Perſönlichkeit auf allen Gebieten des Lebens zur Anerkennung gebracht, zugleich aber die einzige und unvergleichliche Bedeutung des chriſtlichen Glau⸗ bens als einer perſönlichen, innerlich an das Wort Gottes bindenden und dadurch allein ſittlich be⸗ freienden That des religiöſen Gewiſſens gewürdigt worden iſt. Entkleiden wir dieſe Theſe des Wort⸗ ſchmuckes, ſo beſagt dieſelbe, daß erſt durch die Reformation des 16. Jahrhunderts die ſittlichen Kräfte des Chriſtentums, der ſittliche Wert der einzelnen Perſönlichkeit und die Bedeutung des chriſt⸗ lichen Glaubens als Tugend zur Geltung gekommen ſeien. Mit anderen Worten wird behauptet, daß die genannten Güter in der katholiſchen Religion und Kirche nicht gekannt und gewürdigt werden. Denn dieKirche des Mittelalters iſt die katho⸗ liſche Kirche des 19. Jahrhunderts, ihre Lehren und Einrichtungen ſind dieſelben heute wie vor 400 Jahren.

In der Theſe 4 wird geſagt:Das von Luther im Anſchluß an den Apoſtel Paulus gezeich⸗ nete chriſtliche Freiheitsideal hält die rechte Mitte zwiſchen der falſchen revolutionären Freiheit Rouſſeau's einerſeits und zwiſchen der im Jeſui⸗ tismus ſcharf ausgeprägten falſchen Autorität