halter von Galiläa die Vertheidigung leitet und auf Jotapata ſich als einen tüchtigen Kriegsmann zeigt, ſo war das mehr eine gebieteriſche Forderung des Augenblickes als freie Entſcheidung. Wenn er dann an manchen Stellen ſeiner Schriften als warmer Sachwalter ſeines Volkes auf⸗ tritt, ſo ſind das nur einige lichte Stellen in dem von Schatten getrübten Bilde ſeiner Perſon. Er hätte ja in Wahrheit ein Unmenſch ſein müſſen, wenn neben der unwürdigen Darſtellung der römiſchen Triumphe ſich nicht dann und wann ein theilnehmendes Wort für ſein unterdrücktes Volk fände.
Während des Krieges zeigt Josephus deutlich, daß er den Römern den Sieg wünſcht. Nur nothgedrungen vertheidigt er Galiläa und auch das wieder mehr gegen die Zeloten als gegen die Römer. Daß die Juden ihren ganzen Haß auf ihn luden, mußte ſelbſtverſtändlich auf ſeine Berichte von Einfluß ſein, da eben dieſer Haß ihn dem Judenthum immermehr ent⸗ fremdete. Das Schickſal ſeiner Angehörigen übergeht er mit Stillſchweigen, während er ander⸗ ſeits betont, daß er durch die Gunſt des Titus großen Einfluß auf das Loos ſeiner unglücklichen Mitbürger erhielt. Er ſcheint ganz mit ſeiner Familie gebrochen zu haben und ſomit die Bande zerriſſen zu haben,„welche der unverwüſtliche Kern des jüdiſchen Nationalbewußtſeins“ ſind.
Man könnte hierbei fragen: Warum hat Josephus nicht auch äußerlich mit dem Judenthum gebrochen, warum iſt er nicht förmlich zum Heidenthum übergetreten? Es lagen Verſuchungen dazu bei dem engen Verkehr mit den Römern gewiß nicht fern. Auch hatte er ein Beiſpiel erlebt an einem ſehr einflußreichen Manne, dem Tiberius Alexander. Dieſer, aus Aegypten gebürtig, hatte nach Ant. XX, 5.2 das Judenthum öffentlich verleugnet. Unter dem Kaiſer Claudius war er Procurator von Judäa, unter Nero verwaltete er Aegypten. Seinem mächtigen Einfluß war es mit zu verdanken, daß Vespasian auf den Thron erhoben wurde. Einem ſolchen Beiſpiel hätte der innerlich abtrünnige jüdiſche Römling folgen können, und er hätte es auch gethan, wenn er nach Beendigung des Krieges der politiſchen Laufbahn hätte treu bleiben wollen. Aber er verlegte ſich in Rom ganz auf die Literatur. In der Hauptſtadt war großes Intereſſe für die Geſchichte des eben erſt unterlegenen Judenvolkes. Epaphroditus, wahrſcheinlich ein Freigelaſſener des Nero und ſpäter kaiſerlicher Sekretär, veranlaßte den Josephus zur Abfaſſung ſeiner Werke. Ihm wurden gewidmet die Schrift gegen Apion und die Selbſtbiographie. Den Zweig der jüdiſchen Literatur konnte kaum einer beſſer bearbeiten als Josephus. Bei Ausführung eines ſolchen Planes war ſeine Stellung als Jude und das Bewußtſein ſeiner prieſterlichen Würde ihm mehr förderlich, als wenn er förmlich zum Heiden⸗ thum übergetreten wäre.
Nachdem der Character des Josephus einigermaßen klar geworden iſt, können wir wohl annehmen, daß ſeine Berichte nicht durchweg zuverläſſig ſein werden. Er ſchreibt eben nicht als begeiſterter Jude, ſondern als erkaufter Römling, weniger als Anwalt ſeines Volkes, denn als Anwalt ſeiner Perſon. Allein er iſt in ſeinen Schriften, namentlich in ſeiner Vita, ſo aus⸗ führlich und ſo aufrichtig, daß die ſich hier und da zeigenden Unklarheiten und Mißverſtändniſſe unſchwer zu heben ſind.


