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geht unſerm Schriftſteller der großartig univerſelle Standpunkt eines Livius ab; er tritt nicht aus dem Judenthum heraus, ſondern bleibt ſtehen auf dem Boden des Nationalpartikularismus. ¹)
In früherer Zeit pflegte man die Werke des Josephus ohne ernſte Kritik zu benutzen; erſt in neurer Zeit iſt durch ernſte Forſchungen der wahre Werth der Schriften des Josephus klar geſtellt worden. Manche urtheilten über ihn ganz wegwerfend, andre ſchlugen ſeinen Werth zu hoch an. Im allgemeinen läßt ſich jedenfalls nicht beſtreiten, was Niebuhr in ſeiner„römiſchen Geſchichte“ ſagt(Band V. S. 276):„Die Schriften des Josephus verdienen dem Studium jedes Gelehrten und Theologen empfohlen zu werden.“— Unterſuchen wir nunmehr etwas näher die Glaubwürdigkeit ſeiner Berichte. Zunächſt dürfen wir als ausgemacht betrachten, daß er über den innern Zuſammenhang der von ihm berichteten Thatſachen kein volles Verſtändniß hat. Einmal iſt er, namentlich im„jüdiſchen Krieg“ und den Schriften gegen Apion ſtark ſub⸗ jectiv, wie es ſich aus ſeiner Stellung in jenem Kriege und ſeiner Polemik gegen Apion mit Nothwendigkeit ergibt. Ueber Apion werden wir unten weiter zu reden haben. Dann aber iſt überhaupt ein Hiſtoriker, der über ſelbſterlebtes ſchreibt, nicht im Stande ſeinen Gegenſtand vom univerſellen Geſichtspunkt darzulegen, wie dieſes ein Späterer kann, dem verſchiedene Be⸗ richte, verſchiedene Urtheile und Geſichtspunkte ſich eröffnen. Bei Josephus muß dieſes beſonders betont werden, da er„nicht blos ein gedrücktes, ²) ſondern ein verwundetes Gewiſſen“ hat. Gerade deßhalb hielten wir es für angemeſſen, oben einen Ueberblick über des Josephus Leben zu ver⸗ ſuchen, weil hier Aeußeres und Inneres ſehr nahe ſich berühren. Anderſeits war Josephus durch ſeine Lebensumſtände als Prieſter und Sproſſe einer hoch angeſehenen Familie, durch ſeinen Bildungsgang, durch ſeine Stellung als Statthalter von Galiläa und durch ſeine ſpäteren Beziehungen mit reichen Kenntniſſen und Erfahrungen ausgeſtattet. Er war nicht blos Gelehiter, ſondern auch Staatsmann, hatte alſo die nothwendigen Vorausſetzungen zur richtigen Beurtheilung und Behandlung der Verhältniſſe. Die Frage, ob Josephus Eſſäer oder Phariſäer geweſen, oder welches von beiden mehr oder weniger, eine Frage, über welche viel geſtritten und geſchrieben worden, dieſe Frage ſcheint uns überhaupt nicht weſentlich. Sollten wir eine Antwort geben, ſo würden wir ſagen: er war beides, aber nicht derart, daß dadurch ſein Charakter als Schrift⸗ ſteller näher berührt würde. Wir glauben in dieſer Hinſimt auf die oben gegebenen Notizen über den Lebensgang unſers Schriftſtellers verweiſen zu dürfen. Es kommt für unſern Zweck hauptſächlich darauf an, den Josephus als Verfaſſer ſeiner Schriften zu unterſcheiden von dem Josephus als Prieſter und als Statthalter von Galiläa. Entſcheidend für ſeine ganze Richtung war die Romreiſe, welche er im 26. Lebensjahre unternahm. Wenn auch die Veranlaſſung zu dieſer Reiſe ein Vorkommniß war, welches enge mit ſeiner prieſterlich⸗nationalen Stellung zu⸗ ſammenhing und wenn auch der Erfolg ſeiner Reiſe jenem Zwecke entſprach, ſo kann doch nicht geleugnet werden, daß jener erſte Aufenthalt in Rom in der Geſinnung des Josephus einen
1) Vergl. Creutzer I. c. pag. 906:„Rückblick auf Josephus.“ 2) Fr. Ewald, Geſch. Iſraels III, 566.


