verſäumte Josephus nicht, all die verſchiedenen Rangſtufen anzuführen, die er in Rom kennen gelernt und fleißig Anreden zu halten, von denen er eine Reihe der Nachwelt überliefern zu müſſen glaubte. Solche Aeußerlichkeiten waren bei einem für ſeine Freiheit begeiſterten Volk ſehr entbehrlich. Die beſten Kräfte des Landes wurden zudem durch den Bürgerkrieg hinweg⸗ gerafft. Als Josephus nach Gaiilläa kam, fand er die Partheien bereits organiſirt. Eine ganze Reihe von Führern aus niederem Stande, aber gewandt und tapfer, ſtanden an der Spitze der einzelnen Corps. Anfangs kamen dieſe Führer dem neuen Statthalter freundlich entgegen. Als aber Josephus auf unzweideutige Weiſe die Römer unterſtützte, wurde er als Verräther gehaßt. Durch charakterloſes Benehmen und ſeine Partheileidenſchaft war er Schuld, daß die Stadt Ti⸗ berias dem König Agrippa ¹) ihre Unterwerfung und Unterſtützung anbot. Der Abfall von Tiberias war dem Josephus nach Wunſch, aber er durfte es nicht merken laſſen. Die aufge⸗ regte Menge forderte einen Zug gegen Tiberias, aber Josephus wußte das zu vereiteln. Mehremal kam Josephus in Lebensgefahr durch das über ſein zweideutiges Verhalten aufgeregte Volk, und nur die Haltung der ruheliebenden Bürger machten es ihm möglich zu bleiben. Auch nach Jeruſalem waren Klagen gegen ihn gekommen. Nach längeren Debatten wurde beſchloſſen, ihn vom Oberbefehl über Galiläa zurückzuberufen. Allein Josephus wußte die Ausführung des Beſchluſſes zu hintertreiben. Er blieb nach wie vor in Galiläa. Er benutzte nun all ſeinen Einfluß gegen die ihm widerſtrebenden Partheien. Durch die gegenſeitige Eiferſucht verſtrich die beſte Zeit ohne ernſtere Unternehmungen.
Unterdeſſen hatte die Tyrannei eines Nero und die Verrücktheit ſeiner Regierung den römiſchen Staat an den Rand des Abgrundes gebracht. In der Hauptſtadt herrſchte der Pöbel, in den Provinzen gährte es, die Legionen murrten, Angſt vor den Parthern ging durch das ganze Reich?) Das wäre die rechte Zeit geweſen für ein tapferes Volk, ſich die Freiheit zu erkämpfen. Aber die Juden waren durch ihre eignen Führer verrathen und verkauft. Die günſtige Gelegenheit war vorüber und es war zu ſpät für die Sache der Juden, als Nero den Vespasian, den beſten Feldherrn ſeiner Zeit, der am Rhein und in Britannien ſeine Schule gemacht, mit dem Oberbeſehl in Paläſtina betraute. Sein Sohn Titus ſtand ihm zur Seite. Von Alexandrien aus wurden die 5. und 10. Legion in Eilmärſchen nach Ptolemais geführt, um ſie dort mit den ſyriſchen Truppen zu vereinigen. Der Feldherr von Galiläa, Josephus machte nicht einmal einen Verſuch die Vereinigung zu hindern. Die Ankunft der römiſchen Colonnen mit ihrer furchtbaren Ordnung und Taktik machten, wie fchon früher zu Pompejus
1) Dieſer Agrippa II. war ein Sohn jenes Agrippa, der den hl. Jakobus den Aelteren hinrichten ließ und i. J. 44 ſtarb, nachdem er ſich eben in Cäſarea hatte als Gott begrüßen laſſen.(Apoſtelgeſch. cap. 12.) — Dem Agrippa II. hatte Kaiſer Claudius(47 n. Chr.) das Gebiet von Chalcis am Libanon verliehen, damit war das wichtige Recht verbunden, den Hohenprieſter zu wählen; ſeit dem J. 51 hatte er auch Batanäa mit dem Königstitel. Er ſuchte ſich die Gunſt der Juden durch Verſchönerungsbauten zu erwerben. Er konnte den Strom der antirömiſchen Bewegung nicht hemmen.— Nach Apoſtelgeſch. cap. 25 und 258 vertheidigte ſich vor ihm der Apoſtel Paulus in Cäſarea.
2) Vergl. Hausrath l. c. pag. 299.


