Die Vermittlungs⸗ und Friedensparthei wurde von dem aufgeregten Volke des Ver⸗ rathes beſchuldigt, und als nun gar der Proconſul von Syrien, Cestius Gallus, unter den Mauern von Jeruſalem eine Niederlage erlitten, da war die Menge nicht mehr zu halten. Josephus und ſeine Partheigenoſſen boten daher ihren ganzen Einfluß auf, die Gewalt in ihre Hände zu bekommen, um größeren Gewaltthaten vorzubeugen und ſpäter doch den Römern die Gewalt wieder in die Hände zu ſpielen. Der Revolutionsausſchuß zu Jeruſalem übertrug ſogar dem Josephus die Vertheidigung von Galiläa und gab ihm zur Unterſtützung die beiden Prieſter Jozar und Judas bei. Das war allerdings eine ſonderbare Weiſe ſo wichtige Intereſſen, wie ſie damals auf dem Spiele ſtanden, zu beſorgen.¹) Wenn der Aufſtand irgendwie Ausſicht auf Erfolg haben ſollte, ſo mußten ſich die Juden nach Bündniſſen umſehen, die bei den von Haß gegen die Römer erfüllten Parthern und Arabern nicht ſehr ſchwer zu erreichen waren. Allein Josephus und ſeine Helfer wähnten ſchon allein fertig zu werden. Sie betrachteten es als ihre Hauptaufgabe einen jüdiſchen Staat zu errichten ganz nach moſaiſchem Geſetz, Josephus nach ſeinen phariſäiſchen, die andern nach ihren levitiſchen Anſchauungen.
Ueber die Stellung des Josephus zum Amte eines Statthalters von Galiläa und ſeinen Charakter führen wir die Worte von Grätz an. ²)„Neben der Vermittelung des mit ihm be⸗ freundeten Josua ben Gamala mag wohl hauptſächlich ſeine Verſtellungskunſt ihm die Statt⸗ halterſchaft über Galiläa erworben haben. Nebſt Eitelkeit und Feigheit machten Verſtellung und Geſinnungsloſigkeit ſeinen Grundcharakter aus. Auch die Religion gebrauchte er als Deckmantel ſeiner Schwäche und unter dem Scheine der Frömmigkeit zottelte er die ſchlimmſten Dinge an. Aber wie alles an dieſem Mann kleinlich und kümmerlich war, ſo hatte anch ſeine Verſtellungs⸗ gabe nichts Großes; es war vielmehr die Pfiffigkeit eines Kleingeiſtes, der mit Hintanſetzung der Ehre ſich geſchickt aus peinlichen Lagen zu befreien und noch Vortheil daraus zu ziehen weiß.“
Es wurde wenig darnach geſehen, ob die Mannſchaften genug ausgerüſtet und die Oert⸗ lichkeiten gehörig befeſtigt waren, ſondern Josephus brachte die Zeit hin, indem genau revidirt wurde, ob nicht etwa die jüdiſchen Speiſegeſetze verletzt oder ob keine Abhildungen zu ſehen waren, die gegen den jüdiſchen Standpunkt verſtießen. Die beiden andern beeilten ſich, den von dem Geſetze den Leviten beſtimmten Zehnten gewiſſenhaft einzutreiben, und als ſie ſich die Taſchen gefüllt, glaubten ſie ihre Aufgabe gelöſt zu haben; nur mit Mühe ließen ſie ſich abhalten als⸗ bald nach Hauſe zurückzukehren. Zur Vorbereitung für den Krieg geſchah ſehr wenig. Vor allem fehlte es an der nöthigen Einheit. Josephus machte ſich mehr Mühe ſeine Macht gegen⸗ über den ihm feindſeligen Partheien zu vergrößern, als ihm daran gelegen war, Kräfte zu vereinigen gegen den gemeinſamen Feind des Landes. Die jugendlichen Freiſchärler, welche überall ſich ſammelten, verachtete er als sicarii. Dieſe„Räuber“ aber hielten im Kampfe Stand, während die Galiläer beim Herannahen des Feindes truppweiſe davonliefen. Wohl wur⸗ den gegen 100,000 Mann ausgehoben, aber an ein ernſtes Einüben wurde nicht gedacht. Dagegen
1) Hausrath I. c. pag. 294 ff. 2) Geſch. d. Juden ac. p. 401.


