ziehung und umfaſſende Bildung. Er zeichnete ſich bereits als 14jähriger Knabe in der Ge⸗ ſetzeskunde aus, ſo zwar, daß man von allen Seiten herzukam, um von dem jungen Josephus Aufſchluß über ſchwierige Stellen im Geſetze zu holen. Er warf ſich auch mit großem Eifer auf die griechiſche Sprache. Wenn ihm auch die Ausſprache wegen ſeines Organes niemals ganz richtig gelingen wollte, ſo erreichte er doch eine derartige Kenntniß des Sprachinhaltes, daß er die griechiſcheu Autoren im Urtexte leſen konnte. Von den in Paläſtina beſtehenden Sekten lernte er die ſadducäiſche wegen ihrer allzu leichtfertigen Behandlung des Geſetzes und ihrer materialiſtiſchen Lebensrichtung ſchon frühe verachten. Bei den Eſſäern dagegen verſchaffte er ſich durch 3jährigen Aufenthalt unter denſelben nähere Einſicht in ihre Lehren. Er ſtand während dieſer Zeit unter der Leitung eines Einſiedlers Namens Banus und unterzog ſich den verſchie⸗ denen Gebräuchen der in Zurückgezogenheit und Abtödtung lebenden Eſſäer. Josephus berichtet in ſeiner Vita, daß er ſich mit Baumrinde umkleidet und mit wilden Kräutern genährt habe. 19 Jahre alt kehrte er in die Stadt zurück und ſchloß ſich 2 Jahre ſpäter öffentlich den Pha⸗ riſäern an. Ueber die Zeit bis zum 26. Lebensjahre iſt nichts zu berichten, da er ſelbſt in ſeiner Vita dieſe Zeit mit Stillſchweigen übergeht. Wir werden nicht fehl gehen, wenn wir annehmen, daß dieſe Zeit tiefen Studien gewidmet war.
Im Jahre 63 od. 64 kam Josephus zum erſtenmal nach Rom. Die Veranlaſſung war folgende. Der Procurator Felix hatte mehrere dem Josephus durch die Bande der Ver⸗ wandtſchaft naheſtehende Prieſter nach Rom geſchickt, damit ſie ſich vor dem Kaiſer Nero wegen leichter Fehltritte verantworten ſollten. Um ihnen beizuſtehen ſchloß ſich Josephus der Reiſe an. Als er nach Ueberwindung großer Seegefahren zu Puteoli gelandet war, lernte er einen jüdiſchen Schauſpieler Alityrus kennen. Durch deſſen Vermittelung kam er in Gunſt bei der Kaiſerin Poppaea. So erreichte er die Abſicht ſeiner Reiſe und kehrte mit Geſchenken bedacht zurück. Die Reiſe nach Rom war für die künftige Lebensrichtung des jüdiſchen Gelehrten entſcheidend. „Der GElanz des neroniſchen Hofes, die Größe der römiſchen Macht blendeten ihn derart, daß er für die Verhältniſſe ſeines eigenen Landes nicht mehr ein klares Auge hatte. Er ſah hinter dem Purpur nicht die Eiterbeulen, an denen Rom ſchon damals kränkelte.“ ¹)
Nicht lange nach der Rückkehr des Josephus nahm der jüdiſche Krieg ſeinen Anfang. Die Procuratoren Albinus und namentlich Gessius Florus, 64—66, ein würdiges Werk⸗ zeug ſeines kaiſerlichen Herrn, hatten das jüdiſche Volk durch ihre Härte und Grauſamkeit bis zur höchſten Erbitterung gereizt. Zuerſt erhoben ſich gegen die Tyrannei des Gessius Florus die Bewohner von Cäſarea. Ihrem Beiſpiele folgten bald andre Städte. In Jeruſalem griff auch alsbald die ſtreitbare Jugend zu den Waffen. Josephus bemühte ſich, wie er ſagt, mit allen Mitteln, ſeine Landsleute vom Kriege abzuhalten, weil er zu gut die gewaltige Macht der Römer und die geringe Ausſicht auf Erfolg für die Juden kannte. Als das Volk zu den Waffen griff, verkroch er ſich mit ſeinen Geſinnungsgenoſſen in den Tempel und kam erſt wieder heraus, als die gemäßigteren unter den Aufſtändigen unter Führung des Eleasar am Ruder waren.
1) Grätz, Geſchichte der Juden vom Tode Makkabi's. Leipzig 1856. pag. 400.


