Aufsatz 
Antrittsrede
Entstehung
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von der Eigenart ſämmtlicher neuern Culturſprachen. So lange man bloß mit den letzteren ſich beſchäftigt, bleibt man mehr oder weniger in ſeinem Denk⸗ und Anſchauungskreiſe daheim. Sobald man dagegen den alten Sprachen und Schriftwerken ſich zuwendet, tritt man heraus aus der bisherigen Gewohnheit des Lebens und Daſeins; eine andere Welt mit andern Denkformen und Anſchau⸗ ungsweiſen eröffnet ſich dem Blick, und wie man fremde Länder ſehen, wie man fremde Sitten lernen muß, um zu erfahren, was man an den eignen hat, ſo wird die Betrachtung des fremden (antiken) Sprachidioms Mittel und Weg, das eigene(moderne) aus dem Grunde zu verſtehen und in dieſer Erkenntnis inſonder⸗ heit die Mutterſprache denkend zu beſitzen.

Was die Helden der helleniſchen Literatur nebſt ihren römi⸗ ſchen Nachahmern für das deutſche Schriftenthum der Neuzeit ge⸗ worden ſind, das weiß jeder, welcher von der ſpecifiſchen Eigen⸗ thümlichkeit deſſelben auch nur einigermaßen einen Begriff hat. Wie die Formen der alten Sprachen ein ewig junges Leben in ſich tragen, ſo wohnt der antiken Literatur eine unverwüſtliche Trieb⸗ und Zeugekraft bei, welche geradeſo gewis die kommenden Jahrhunderte befruchten und durchgeiſtigen wird, wie ſie die ver⸗ gangenen beſeelt hat. Denn der Rathſchluß Gottes, von dem die Geſchichte Zeugnis gibt, daß die Griechen und Römer in allem rein Menſchlichen die Lehrer der Welt ſein ſollten, iſt nicht für eine beſtimmte, er iſt für alle Zeit gefaßt, und niemand wird dieſe meine Ueberzeugung für eine gewagte halten, der zugibt, was nun einmal als Thatſache beweiskräftig im Leben ſteht, daß die Cultur der gebildeten Völker Europas die alte der Griechen und Römer zu ihrer Grundlage hat. Dieſe Grundlage beſeitigen, heißt die Cultur ſelbſt in die Luft ſtellen, heißt ihr den Mutterboden und die Lebensauelle entziehen, mit anderen Worten ſie ſelbſt der Ver⸗ nichtung preisgeben. Wenn aber dies, was fragt man noch nach dem reellen oder materiellen Nutzen der alten Sprachen? Ich dächte doch, es gäbe keinen reelleren Gewinn, als den, welcher den