Aufsatz 
Antrittsrede
Entstehung
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gehen in dieſen Seinen Sinn und Gedanken von den Bildnern der Jugend als Thatbewähr echter Treue und Liebe. So wird die Treue gegen das Amt Eins mit der Treue gegen die Perſon und jedes Wirken in dieſem Geiſte zu einem Mitwirken an des Königs eigenſt eigenem Geſammtwerke. Meine Kräfte und meine Ga⸗ ben ſind und bleiben alle dieſem Dienſt geweiht.

Mein drittes Wort gilt dem Gedächtnis des Mannes, der läͤnger als ein Menſchenalter hindurch das hieſige Gymnaſium geleitet und demſelben die beſten Kräfte ſeines reichbegabten Geiſtes und Herzens gewidmet hat. Was die Anſtalt iſt, ihm dankt ſie es zum guten Theil. Was er war und lebte, das war und lebte er der Anſtalt, und nur das kann die Frage ſein, ob er ihr mehr war durch ſeine gediegene Gelehrſamkeit, der ein ſeltener Pflicht⸗ eifer zur Seite ſtand, oder durch ſeine unwandelbare Rechtſchaffen⸗ hbeit und einnehmende Leutſeligkeit. Ein geborener Lehrer und herziger Biedermann, feßelte er ſonder Müh und Gebärde Schüler wie Collegen an ſeine Perſon und was nicht hoch genug an⸗ zuſchlagen er beſaß bei aller Energie des Willens und der Einſicht die Stärke der Demuth, die nicht das Ihre, ſondern das Beſte ſucht. So ward ſein Herrſchen ein Dienen der Wahrheit, und jeder glaubte den eigenen Willen zu thun, indem er ſeinen Willen that, der kein anderer als der Wille des Rechten war. Gebe mir der Herr die Gnade, nach dieſer Seite hin ganz der zu ſein, der er war, damit man im Nachfolger den Vorgänger nicht vermiſſe.

Die Aufgabe, welche das Gymnaſium zu erfüllen hat, iſt durch den politiſchen Umſchwung der Dinge in der Hauptſache nicht verändert worden. Der Grund liegt auf der Hand. Als nämlich zu Anfang der dreißiger Jahre die heſſiſchen Gymnaſien eine neue Organiſation erhalten ſollten, da ließen ſich unſere Schulmänner die preußiſchen Einrichtungen zum Muſter dienen und beſtimmten nach dem Vorbilde derſelben ſowohl das Unterrichtsziel als die Unterrichtsmittel. Ich faße den Zweck des geſammten Gymnaſial⸗