Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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des Dichtes erſtrebt hatte, iſt nach ſchwerem Kampfe zur That geworden, und damit ein neuer Lebensmorgen für Taſſo ange⸗ brochen. Getroſt ſehen wir den nicht weniger durch ſeine Leiden, wie durch ſeine Genialitaͤt uns theuer gewordenen Jüngling in den beginnenden Lebenstag eintreten. Denn dem Dichter Taſſo iſt geblieben was ihm die Gottheit als ſein unentreißba⸗ res Erbe gab die poctiſche Schöpferkraft. Ewig jung, weil nicht irdiſcher Natur, wird ſie die Macht auch des neuen Lebens für ihn werden, in ihr wird er Ruhe und Beſeligung wiederfin⸗ den, wenn der erſte Sturm des Schmerzes ſich gelegt hat.*)

haben übrigens Beide, wenn auch ein ganz verſchiedenes; Taſſo be⸗ ſitzt einen trefflichen Verſtand und Antonio iſt keineswegs ohne Ge⸗ müth, nur daß dieſe Seite des Geiſtes bei ihm in ähnlicher Weiſe hinter den Verſtand zurücktritt, wie bei Taſſo der Verſtand hinter Gemüth und Phantaſie. Vergl. Roſenkranz, S. 273 und folgd.

*) Klar genug iſt dies in unſerm Stücke ausgeſprochen. Schon oben, Seite 93, haben wir bemerkt, wie Taſſo ſich immer feſter an ſein großes Gedicht anſchloß, je mehr er die Wirklichkeit aus dem Auge verlor. Noch deutlicher tritt dies am Schluße hervor. Um den Taſſo ſich ſelbſt wiederzugeben, ruft ihm Antonio zu:Ver⸗ gleiche dich! Erkenne was du biſt!« Vergebens ſucht Taſſo in der Geſchichte nach einem Manne,»der mehr gelitten, als er jemals litte, um ſich mit ihm vergleichend zu faßen. So auf ſich ſelber zurückgewieſen»dringt ihm aus der Tiefe ſeines Weſens die Selbſt gewisheit ſeines Talentes entgegen. Sein Talent iſt ſein Halt. Hindurchgegangen durch das Extrem ſeines eigentlichen Weſens kehrt Taſſo in ſich zurück. Die Ironie, daß das Genie ihn zer⸗ rüttet, welches doch ſeine Macht iſt, oder wie man es noch allge⸗ meiner ausgedrückt hat, die Ironie, daß das Schönſte, das Herr⸗ lichſte zugleich das verhängnisvoll Verderbliche iſt, hebt ſich auf. Der herbe tragiſche Zug ſchmilzt in einen elegiſchen um.« Roſen kranz, S. 272. Hat Taſſo die Gabe der Dichtung zunächſt auch nur, um»die tiefſte Fülle ſeiner Noth zu klagen«, ſo wird ſie ihm doch bald ſein, was ſie jedem ihrer ächten Jünger iſt. Siehe Gö⸗ the in der Zueignung(Werke, 1 Band, S. 3 und folgende) beſonders Vers 6: