Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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Und der Menſch Taſſo iſt herrlicher aus dem Läuterungsfeuer der Trübſal hervorgegangen. Die Erkenntnis, daß er ſein Un⸗ gluͤck ſelbſt verſchuldet, iſt ja ein Sieg über die finſteren Gewal ten, die ihn ins Leid geſtürzt, und in der Verſöhnung mit An tonio, dem Repräſentanten des Realismus, iſt die Hingabe an das Recht der Wirklichkeit als ſittliche That vollbracht. Iſt auch unwiederbringlich dahin was bisher ſein Alles war, dennoch ſchei⸗ den wir von ihm nicht mit dem Schmerze über ein ungeheures Un⸗ glück, wodurch er unrettbar in den Abgrund des Elends geſchleu⸗ dert wäre, ſondern unſere Phantaſie hat Anhaltspunkte genug, um ſeine Zukunft ſich in freundlichen Bildern eines durch Selbſt⸗ erkenntnis und Mäßigung befriedigten, vom Zauber der Dicht⸗ kunſt verklärten Daſeins zu malen. Und ſo ſchmelzen die ergrei⸗ fenden Laute des Schmerzes mit den friedlichen Klängen, die uns aus der Zukunft des Dichters herüber tönen, zu Accorden einer ſanften Wehmuth zuſammen.

Jal rief ich aus, indem ich ſelig nieder

Zur Erde ſank, lang⸗ hab ich dich gefühlt;

Du gabſt mir Ruh', wenn durch die jungen Glieder

Die Leidenſchaft ſich raſtlos durchgewühlt;

Du haſt mir wie mit himmliſchem Gefieder

Am heißen Tag die Stirne ſanft gekühlt;

Du ſchenkteſt mir der Erde beſte Gaben,

Und jedes Glück will ich durch dich nur haben! und Vers 13:

Und wenn es dir und deinen Freunden ſchwüle

Am Mittag wird, ſo wirf ihn in die Luft!

.(ihn nämlich den Schleier der Dichtung)

Sogleich umſäuſelt Abendwindeskühle,

Umhaucht euch Blumen⸗Würzgeruch und Duft.

Es ſchweigt das Wehen banger Erdgefühle,

Zum Wolkenbette wandelt ſich die Gruft,

Beſänftiget wird jede Lebenswelle 3 Der Tag wird lieblich und die Nacht wird helle. übrigens braucht wohl kaum erinnert zu werden, daß wir auf dem Boden der Dichtkunſt ſtehen und gänzlich abzuſehen haben von den Schickſalen des hiſtoriſchen Taſſo..