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perativ der Prinzeſſin als Wahrheit erlebt.*) Die Erfahrung hat ihn gelehrt, von welchen Gefahren jedes rein idealiſtiſche Phantaſieleben bedroht wird, daß der Verſuch mit Hintanſetzung des Rechtes der Wirklichkeit nur in der eignen Subjectivität ver⸗ harren zu wollen, unfehlbar ins Verderben führt. Mit dieſer Überzeugung ergreift er die gebotene Hand des Staatsmannes, um ſich an ihm ebenſo aufzurichten, wie er an ihm geſcheitert war. In dieſen Moment dräͤngt ſich die Idee des ganzen Stük⸗ kes zuſammen. Die beiden Richtungen des Idealis⸗ mus und Realismus, welche anfangs in ſchroffer Einſeitigkeit einander gegenüber geſtanden hat⸗ ten, feiern nach einem ſchmerzlichen Ausgleichungs⸗ proceſſe den Bund der Verſöhnung; der Kampf zwiſchen Ideal und Leben iſt ausgekämpft, Idee und Wirklichkeit ſind in ihren Trägern, Taſſo und Antonio, verſohnt.*) Was die Prinzeſſin zum Heil
meine Noth mit dem A., der behauptet, der Irrthum könne nur durch das Irren geheilt werden.
*) Act II, 1, S. 143: Erlaubt iſt was ſich ziemt.
*) Hillebrand faßt die Idee des Stückes mehr aus dem Geſichts⸗ punkt des Haupthelden, S. 193— 194:»Es kam darauf an, die Verſöhnung des Genius mit dem Geſetze der Wirklichkeit durchzu⸗ kämpfen—— das Höchſte, die Verſöhnung der Idee mit der Welt, wird durch den höchſten Schmerz der erſten ſelbſt errungen.« — Wir finden mit Roſenkranz die Bezeichnungen Idealismus und Realismus für die Gegenſätze, welche Taſſo und Antonio vertreten, als die paßendſten. Die Gegenſätze von Talent und Character, Gemüth und Verſtand ſind nicht umfaßend und erſchöpfend genug, ſondern fallen als Momente in die weiteren Sphären des Idealis⸗ mus und Realismus hinein. Innerhalb dieſer Sphären treten al— lerdings auch dieſe Gegenſätze hervor. So hat z. B. Taſſo gerade darum, weil er ganz ſubſjectiv idealiſtiſch iſt, keinen Charakter trotz aller Anlage dazu, da der Character nur durch das Leben gebildet wird; und Antonio könnte nicht Repräſentant des Realismus ſein, wenn er nicht einen durchgebildeten Character hätte und nicht der Verſtand bei ihm das vorherrſchende Seelenvermögen wäre. Talent


