— 106—
daß er ſein Glück durch eigne Schuld verſcherzt hat.*) Nichts iſt ihm geblieben, als die Thräne des Schmerzes und die Gabe der Dichtkunſt, durch die der Gott in ihm ſpricht, wenn der Menſch vor Gram verſtummt:
Nein, alles iſt dahin!— Nur Eines bleibt:
Die Thräne hat uns die Natur verliehen,
Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt
Es nicht mehr traͤgt— Und mir noch über alles—
Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,
Die tiefſte Fülle meiner Noth zu klagen:
Und wenn der Menſch in ſeiner Qual verſtummt,
Gab mir ein Gott, zu ſagen wie ich leide. Aber einen großen Schatz hat er gewonnen: die Gewisheit, daß die Dämonen ſeines Unglücks in ihm ſelber lie⸗ gen.**) Damit ſind ſeine Lehrjahre beendigt, durch Irren iſt er ſeiner Irrthümer inne geworden, †) er hat den ſittlichen Im⸗
») Seite 242— 243:
Und laß es dann mich ſchmerzlich wiederholen,
Wie ſchön es war, was ich mir ſelbſt verſcherzte.
Es iſt nicht zu überſehen, daß dieſe Erkenntnis gerade in dem Au— genblicke durchbricht, wo Taſſo von fern den Staub der Wagen ſieht, worin der Fürſt und die Prinzeſſin abfahren. Die Liebe äu⸗ ßert zum letztenmale ihre heilende Macht und bringt ihn zu hoffent⸗ lich dauernder Geneſung.
*) Eben das, was ihm der Fürſt geſagt hatte, ſitehe Seite 97 Note*
†) Göthe in W. Meiſters Lehrjahren, XX, S. 123: Mit einem heiteren Geſichte und einem würdigen Ausdruck fing der Mann an: nicht vor Irrthum zu bewahren, iſt die Pflicht des Menſchenerziehers, ſondern den Irrenden zu leiten, ja ihn ſeinen Irrthum aus vollen Bechern ausſchlürfen zu laſſen, das iſt Weis⸗ heit der Lehrer. Wer ſeinen Irtthum nur koſtet, hält lange damit Haus, er freut ſich deſſen als eines ſeltenen Glücks; aber wer ihn ganz erſchöpft, der muß ihn kennen lernen, wenn er nicht wahn⸗ ſinnig iſt.— Daſelbſt S. 214: Darüber hatte ich nun immer


