Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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Das ſchöne Heilungsmittel wirkt nicht mehr. 3

Ich muß dich laſſen, und verlaſſen kann

Mein Herz dich nicht. Vor der Sonne dieſer Liebe, welche mit unwiderſtehlicher Kraft und Klarheit aus dieſen und den folgenden Worten der Prinzeſſin(S. 236.) hervorleuchtet, zerrinnt auch der letzte Schatten des Argwohns, der auf ſeiner Seele liegt. Er erkennt die Geliebte wieder und ſich in ihr. Sie ſteht vor ihm, wie ſie zum erſtenmal ein heiliger Engel ihm entgegenkam. Wie damals(II, 1, S. 137 138) und ſpäter(II, 1 zu Ende und 2), ſo offenbart jetzt zum drittenmal die Allgewalt der Liebe an ihm ihre heilende Kraft.*) Aber wie das Liebesgeſtändnis der Prinzeſſin(II, 1) ihn von der Bahn der Mäßigung hinweggerißen (II, 3) und dadurch ins Unglück geſtürzt hatte, ſo raubt ihm jetzt die neu erlangte Gewisheit ihrer Liebe alle Herrſchaft über ſich ſelbſt und bereitet ihm einen noch tieferen Fall. Dieſe Con⸗ ſequenz iſt uͤbrigens durchaus pſychologiſch gerechtfertigt. Die Einbildung von der Prinzeſſin verſtoßen zu ſein hatte die Cis⸗ kälte des Todes in ihn geſenkt, mit ſeiner Liebe war ihm ſein Alles genommen; die überraſchende Erkenntnis ſeines Irrthums dringt gleich einem Feuerſtrome ihm zu Herzen, die Liebe ſeines ganzen Lebens culminirt in dieſem Augen⸗ blick. Die Extreme berühren ſich und in trunkenem Selbſtvergeßen wirft er jede Schranke der Sitte über den Haufen. Er fällt der Prinzeſſin in die Arme und drückt ſie feſt an ſich**) Bisher

*) Siehe dieſe Abhandlung Seite 53 54. Es ergibt ſich zu⸗ gleich die enge Verbindung dieſer Scene mit der erſten des zweiten Actes und das Verhältnis der Steigerung.

*) Seite 237:

Ja, es iſt das Gefühl, das mich allein

Auf dieſer Erde glücklich machen kann,

Das mich allein ſo elend werden ließ,

Wenn ich ihm widerſtand und aus dem Herzen Es bannen wollte. Dieſe Leidenſchaft Gedacht' ich zu bekämpfen, ſtritt und ſtritt