Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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tiefem Dunkel läßt, ſo klärt das Wort der Treue, welches aus dem Munde der Prinzeſſin ſpricht, Taſſo nur inſoweit über ſeine Verirrung auf, als es die Verblendung verſcheucht, daß die Prinzeſſin ihnganz und gar verſtoßen⸗ wolle.*) Noch begreift er nicht, daß die Geſinnungen ſeiner Wohlthäter ſich in keiner Weiſe geändert haben, daß alle Befürchtungen, man wolle ſich ſeiner entledigen, nur Zerrbilder ſeiner irren Phantaſie ſind; noch ſteht die Taͤuſchung feſt, als beabſichtige die Fürſtin ihn wenigſtens aus ihrer unmittelbaren Nähe zu entfernen. Aber ſchon regt ſich das Gefühl, daß ſein ganzes Daſein mit der Prinzeſſin aufs engſte verſchlungen ſei, in neuer Stärke. Er der anfangs nicht ſchnell genug abreiſen konnte, will nun um jeden Preis bleiben, nur im Dienſte der Prinzeſſin mag er leben, und wäre es als Hüter eines ihrer Schlößer, oder als Gäͤrtner eines Parks, den ſiedas ganze Jahr nur Einen Tag, vielleicht nur Eine Stunde betritt..*) Solchen Kleinmuth weiß ſich die Prinzeſſin nicht zu deuten, ſie hat keine Ahnung von den dunkeln Gewalten, welche Taſſos Seele unterjocht ha⸗ ben. Mit herbem Schmerz antwortet ſie:

Ich finde keinen Rath in meinem Buſen,

Und finde keinen Troſt für dich und uns.

Mein Auge blickt umher, ob nicht ein Gott

Uns Hülfe reichen möchte? möchte mir

Ein heilſam Kraut entdecken, einen Trank,

Der deinem Sinne Frieden brächte, Frieden uns?

Das treuſte Wort, das von der Lippe fließt,

*) In ähnlicher Weiſe, wie ſeine Verblendung über die Prin⸗ zeſſin ſich geſteigert hatte, nimmt ſie wieder ab. Zuerſt glaubt er die Prinzeſſin entlaße ihn skalt und ſtarr«, dann wähnte er ſie ſo⸗ gar als ſeine Feindin. Nunmehr ſchwindet zunächſt dieſer Wahn, dann erkennt er ſie wieder als die, welche ſie immer gegen ihn ge weſen war. Die Gradation im Lauf der Unterredung haben wir im Text hoffentlich ſcharf genug bezeichnet.

*) Roſenkranz, Seite 270.