Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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und aufrichtige Theilnahme iſt ohne Wirkung auf ihn geblieben, die Sprache des Herzens, wie der Fürſt ſie geredet, das Wort weiſer Mahnung hat er nicht verſtanden, nur eine Macht iſt noch übrig, welcher er nie zu widerſtehen vermochte,die Macht der Liebe in der Perſon der Prinzeſſin. Schon der Anblick des holden Weſens löſt ſeinen Argwohn und Verdruß in Schmerzen auf.*)

4. Scene. Die innere Bewegung der Prinzeſſin zeigt ſich in der»Unſicherheit und Zerrißenheit ihrer Anrede:

Du denkſt uns zu verlaſſen, oder bleibſt

Vielmehr in Belriguardo noch zurück,

Und willſt dich dann von uns entfernen, Taſſo?

Ich hoffe nur auf eine kurze Zeit.

Du gehſt nach Rom?

Taſſo antwortet anfangs in demſelben Tone verſtellter Gelaßen⸗ heit, den er gegen Antonio und den Fürſten angenommen hatte. Doch nur für einen Augenblick iſt er in der Nähe der Prinzeſſin dieſer Täuſchung fähig. Der Schmerz von einem Weſen ſchei⸗ den zu müßen, das ihm vor kurzem noch Alles war, bricht als⸗ bald hervor in dem kleinmüthigen Verzagen an der Vollendung ſeines Gedichtes, die er ſo eben noch mit dem größten Eifer er⸗ ſtrebt hatte, und verſenkt ſich in die Phantaſievorſtellung einer unſtäten, heimathloſen Zukunft, die er mit den düſterſten Farben entwirft. Von Rom will er in dem äaͤrmlichen Aufzuge des Pilgers oder Schäfers nach Neapel, von da nach Sorrent, wo ſeine Schweſter wohnt. Zunächſtmahnt ihn die Prinzeſſin an ſein beßeres Selbſt:

Blick' auf, o Taſſo, wenn es möglich iſt,

Erkenne die Gefahr in der du ſchwebſt!

Ich ſchone dich; denn ſonſt würd' ich dir ſagen: . Mistrauens und Widerwillens gegen ſeine Umgebung und demge⸗ mäß die Steigerung in den Scenen liegt am Tage.

*) Scene 3, Seite 231 zu Ende.