Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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die gediegenen Ausſprüche des Weiſen,*) für welche er doch ſonſt ſelbſt im Drange der Leidenſchaft Ohr und Sinn gehabt,**) die innige Theilnahme des Freundes, der ihn je eher deſto lieber zurückkehren heißt: alle dieſe für einen geſunden Geiſt und ein offenes Herz unverkennbaren Zeichen der Zuneigung und des Wohlwollens gleiten ſpurlos an Taſſo ab, ja ſie treiben ihn tiefer und tiefer in die Verwirrung hinein, worin er aus jedem Worte die Stimme ſeines Feindes Antonio zu hören glaubt.) Nur Verſtellung hat er dem Fürſten gegenüber, und daſſelbe Gedicht, welches er an demſelben Morgen als Opfer der Dank⸗ barkeit ſeinem Beſchützer dargebracht hat, muß nunmehr zur Beſchönigung ſeines Widerwillens, zum Deckmantel ſeiner Ab⸗ neigung dienen. Wie vorhin der Wahn, daß die Geliebte ihm als Feindin entgegenſtehe den Hoͤhepunkt ſeiner idealiſtiſchen Ver⸗ blendung bezeichnete, ſo drückt ſich jetzt in der Verſtellung gegen den Fürſten, ſcinen ſonſt ſo verehrten Wohlthäter, die höchſte Stu⸗ fe des Widerwillens gegen die ihn umgebende Wirk⸗ lichkeit aus. Wir ſehen, Taſſo geht mit ſchnellen Schritten einem Letzten entgegen, denn die ſtärkſten Mittel ihn zur Selbſt⸗ beſinnung und vorurtheilsloſen Anſchauung der Dinge zu führen haben keinen Eindruck auf ihn gemacht. †t) Antonios Abbitte

*) Seite 228, 230 und 229:

Dich führet alles, was du ſinnſt und treibſt,

Tief in dich ſelbſt. Es liegt um uns herum

Gar mancher Abgrund, den das Schickſal grub; Doch hier in unſerm Herzen iſt der tieſſte,

Und reizend iſt es ſich hinab zu ſtürzen.

Ich bitte dich, entreiße dich dir ſelbſt!

Der Menſch gewinnt, was der Poet verliert.

**) Act II, Scene 3.

) Scene 3, Seite 231.

t) Die ſtufenmäßige Einwirkung jener Mittel von Act IWV, Scene 2 an, ſchon an den auftretenden Perſonen(Eleonore, Anto⸗ nio, Alfons) erkennbar, ſowie die ſchrittweiſe Vermehrung ſeines

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