Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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ſelben in ſeinen Willen aufzunehmen und ſie ſomit zur eignen ſittlichen That zu erheben. Verletzt er ihre unerbittlichen Forde⸗ rungen, ſo werden ſie zur Klippe, an der er ſcheitern muß. Es war Zeit für Taſſo, daß ihn der Fürſt ins Leben einführte, wenn er vor den ſchweren Unfällen bewahrt werden ſollte, denen Menſchen von ſo ausgeprägt idealiſtiſcher Richtung, wie Taſſo, ſelten oder nie entgehen, zumal wenn ſie in bedeutende Lagen ge⸗ ſtellt ſind.

Auch in unſerer Scene ſpricht die Entfremdung Taſſos von dem Leben allenthalben durch. Er hat keinen andern Wunſch, als daß ſein Gedicht den Beifall ſeiner Beſchützer finde. In ihnen ſieht er Vaterland, Welt und Nachwelt und ſein Aus⸗ ſpruch(S. 119):

Wer nicht die Welt in ſeinen Freunden ſieht,

Verdient nicht, daß die Welt von ihm erfahre. ein ſo ſchönes Zeugnis er für den Adel ſeiner Geſinnung ablegt wird zum Unrecht gegen die Welt, wenn er dieſe nur in ſeinen Freunden ſieht.*)

Dieſe Entfremdung Taſſos von der Welt hatte aber noch einen anderen Grund, als die vorhin entwickelten. Nichts mußte für ihn gefährlicher werden, als das Verhältnis zu einem Weſen, in welchem er die Herrlichkeit ſeiner Ideale gleichſam verkörpert fand. Dieſes aber trat ihm bald nach ſeiner Ankunft am Hofe in der Perſon der Prinzeſſin Eleonore entgegen. Sie gehört zu den reizendſten Geſtalten, welche die Literatur aller Zeiten auf⸗ zuweiſen hat. Wir möchten ſagen, es ſei Göthe in dieſem Frauen⸗ bilde gelungen was Schelling als die höchſte Aufgabe der Kunſt überhaupt aufſtellt: nicht bloß einen einzelnen Klang oder Ton, nicht bloß einen abgeſonderten Accord, ſondern die vollſtimmige Melodie der Schönheit auf einmal anzuſchlagen. Wahrhaft bewunderungswür⸗ dig iſt der holde Zuſammenklang, die ſeelenvolle Harmonie ihres Weſens, das entzückende Gleichgewicht ihrer ganzen Natur. Geiſt

*) Henſe, S. 100.