Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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Herr zu werden,*) nach feſten durch Verſtändnis ſeiner ſelbſt und der objectiven Bedingungen gebildeten Grundſätzen zu han⸗ deln und in ſeinem Thun und Laßen diejenige Willensentſchieden⸗ heit zu bethätigen, durch welche ſich vorzugsweiſe der Character bewährt. Die Fülle des höheren Lebens, welche er in ſeinem Dichtergeiſte beſaß, angeregt durch die gehaltreichen Poeſieen ſei⸗ ner Vorgänger und genährt durch das Studium der Wißen⸗ ſchaften, namentlich der Geſchichte,**) macht es indeſſen begreif⸗ lich, daß derſelbe Taſſo, welcherdie Menſchen nicht im min⸗ deſten verſteht, doch bis auf einen gewiſſen Grad den Menſchen kennt) und die hellſten Blicke in das Weſen der Dinge thut, wie ſich denn aus dem Stolze dieſes Bewußtſeins auch ſeine Em⸗ pfindlichkeit darüber erklärt, daß der Fürſt in ſchwierigen Staats⸗

*) Zwar iſt ihm das Leben kein Leben»wenn er nicht ſinnen, oder dichten ſoll«, aber der Größe ſeines Dichtertalentes iſt er keineswegs gewis und daher erklärt ſich das Schwanken über ſeinen höchſten Lebensberuf. Vergl. II, 1.

**) Siehe Act V, Scene 1, S. 222:

Wer jede Wiſſenſchaft zuſammengeizt,

Und jede Kenntniß, die uns zu ergreifen

Erlaubt iſt, ſollte der ſich zu beherrſchen

Nicht doppelt ſchuldig ſein? Und denkt er dran? Act I, Scene 1, S. 107:

Was die Geſchichte reicht, das Leben gibt,

Sein Buſen nimmt es gleich und willig auf.

) Nach Göthe in Wilhelm Meiſters Lehrjahren XIX, S. 96: Ich habe von Jugend auf die Augen meines Geiſtes mehr nach Innen als nach Außen gerichtet, und da iſt es ſehr natürlich, daß ich den Menſchen bis auf einen gewiſſen Grad habe kennen lernen, ohne die Menſchen im mindeſten zu verſtehen und zu begreifen. Vergl. Taſſo Act II, Scene 3, S. 152:

Doch glaube nur, es horcht ein ſtilles Herz

Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung,

Und übt ſich ingeheim an jedem Guten,

Das deine Strenge neu zu lehren glaubt. 2