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Taſſo natürlich die Einſicht in ihre Verhältniſſe, Geſetze und Sitten; er ſah Welt und Leben nur in dem täuſchenden Spiegel ſeiner Subjectivität. Daher iſt der Maßſtab ſeines Wollens und Handelns der rein ſubjective— was gefällt,*) nicht der ob⸗ jective— was ſich ziemt, und ſo iſt er bei allem Edelſinn und natuͤrlichen Schicklichkeitsgefühl doch niemals ſicher, daß das was ihm gefäͤllt, mit dem allgemeinen ſittlichen Geſetze zuſammen⸗ trifft. Aus demſelben Grunde hatte auch nichts Beſtand für ihn, ſondern Alles veränderte ſich ihm„durch einen Hauch, in einem Augenblick“,*) weil er Perſonen und Verhältniſſe nicht in ihrer wahren Geſtalt, ſondern nur im Lichte der eignen Sub⸗ jectivität betrachtete und ſich in ſeinem Urtheile über dieſelben von augenblicklichen Stimmungen leiten ließ. Wo er gar han⸗ delnd im Leben auftrat, ſtiftete er ſtets Verwirrung, weil er in der Wahl der Mittel fehlgriff, welche nur tiefgehende Welt⸗ beobachtung kennen lehrt, und die Menſchen nicht nahm wie ſie ſind, ſondern ſo wie er ſie ſich dachte. Kurz der Mangel an Selbſt-, Menſchen- und Lebenskenntnis machte es Taſſo unmög⸗ lich trotz ſeiner Empfänglichkeit für alles„was die Geſchichte reicht, das Leben gibt“, über die äußere und die eigene Welt
und verſtändig ohne Anſtrengung. Daſelbſt S. 210: Perſonen, die mehr empfänglicher als ausgebender Natur, mit reinem Sinne einen ruhigen Antheil an Dingen zu nehmen bereit ſind, die in ihrem Ge⸗ ſichtskreiſe liegen. Auf Taſſo paßt was Göthe in Wilhelm Meiſters Lehrjahren XX, S. 213 ſagt: Derjenige, an dem viel zu entwickeln iſt, wird ſpäter über ſich und die Welt aufgeklärt. Es ſind nur wenige, die den Sinn haben und zugleich zur That fähig ſind. Der Sinn erweitert, aber lähmt; die That belebt, aber beſchränkt. *) Siehe Act II, Scene 1, S. 142 und 143. **) Siehe Act IV, Scene 5, S. 217: Das iſt mein Schickſal, daß nur gegen mich Sich Jeglicher verändert, der für Andre feſt Und treu und ſicher bleibt, ſich leicht verändert Durch einen Hauch, in einem Augenblick.


