Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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Durch das ſtete Weilen in ſich lernte er weder Welt und Men⸗ ſchen, noch ſich ſelber kennen. Ohne ſich an fremde Perſöͤnlich⸗ keiten hinzugeben lernt man die eigne nicht verſtehen. Nur der im Leben gereifte Geiſt beſitzt ſicheres Urtheil über ſich ſelbſt, begreift das Maß ſeiner Kraft und die ihm gezogenen Schran⸗ ken, da dies nicht ohne Vergleichung denkbar iſt;*) je umfaſſen⸗ der und vielſeitiger das Leben an den Menſchen herantritt, deſto leichter wird er über ſeine individuelle Beſtimmtheit und ſeine urſprüngliche Stellung in der Welt aufgeklärt. Indem Taſſo in ſeiner Abgeſchloßenheit verharrte, gingen ihm alſo die beſten Mittel zu einer gründlichen Selbſterkenntnis verloren. Und wie hätte er von ſeinem Standpunkte aus das Leben richtig auffaßen, wie die Menſchen begreifen können? Iſt doch der einzige Weg dazu das Heraustreten aus dem eignen Selbſt, die Hingabe an die Wirklichkeit, um Dinge und Perſonen in ihrer objectiven Wahrheit auf ſich wirken zu laßen. Taſſo aber war als Dichter mit einer zu reichen Innenwelt ausgeſtattet und die Beſchaͤfti⸗ gung mit ſich ſelbſt war ihm durch ſein Talent wie durch frühe Gewöhnung zu ſehr zur andern Natur geworden, als daß er mit jener Selbſtentäußerung ſich dem wirklichen Leben zugewandt hätte.**) In Folge der Iſolirung von der Wirklichkeit entbehrte

*) Siehe II, 3, S. 152, wo Antonio ſagt: Inwendig lernt kein Menſch ſein Innerſtes Erkennen; denn er mißt nach eignem Maß Sich bald zu klein und leider oft zu groß. Der Menſch erkennt ſich nur im Menſchen, nur Das Leben lehret jedem was er ſey. Schiller in ſeinem Diſtichon: der Schlüſſel: Willſt Du Dich ſelber erkennen, ſo ſieh, wie die andern es treiben. Willſt Du die andern verſtehn, blick in Dein eigenes Herz. *) Die entgegengeſetzte Eigenthümlichkeit ſchildert Göthe in Dichtung und Wahrheit XXVI, S. 153: Solche Perſonen ſind nicht allzuſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt; ſie haben Zeit die Außenwelt zu betrachten, und Gelaſſenheit genug ſich nach ihr zu richten, ſich ihr gleich zu ſtellen; ſie werden klug