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zu finden und mit dem reichen Gehalte des Lebens ſich zu füllen, ſondern namentlich auch, um den Standpunkt der Unmittelbar⸗ keit zu überwinden und ſich zur Gewisheit ſeiner ſelbſt, zum Be⸗ wußtſein deſſen was es iſt, zur Herrſchaft über die eigne Welt zu erheben.*) Ohne dieſe Hingabe an die Außenwelt geſtaltet ſich die Naturanlage nimmer zur Freiheit des Geiſtes und Ent⸗ ſchiedenheit des Characters. Gerade dazu, hofft der Fürſt, werde das fertige Gedicht ſeinem Schützling den Weg bahnen. Er ſoll im Verkehr mit der Welt ſich Menſchen⸗ und Selbſtkenntnis er⸗ werben, im Conflict mit Freund und Feind Lob und Tadel er⸗ tragen lernen, im Kampfe widerſtreitender Meinungen ſeine Kraft erproben, Selbſtvertrauen und Sicherheit gewinnen, ins⸗ beſondere aber ſeinem übertriebenen Hange zur Einſamkeit ent— zogen werden, damit er die alten Fehler des Argwohns und Mistrauens überwinde, welchen das beſchauliche Inſichleben im⸗ mer neue Nahrung gibt.**) Wir ſehen, der Fürſt iſt ein ebenſo geſinnungstüchtiger als für die Stimme der Poeſie empfänglicher
*) Siehe Auerbach: Schrift und Volk, Leipzig 1846:»Wer nicht hinaus kommt, kommt nicht heime ſagt das Sprüchwort. Ich möchte dies auch in geiſtiger Beziehung geltend machen. Die ſtill in ſich ruhende Naivetät hat ihre eigne Welt noch nicht überwun⸗ den, ſie beherrſcht ſie nicht. Sie ſteht in ſich feſt, wie ein reines Naturerzeugniß. Erſt wenn man ſich entäußert, an die Außenwelt hingegeben oder verloren, kehrt man bewußten Geiſtes wieder zur eignen Welt zurück, wie man die Mutterſprache eindringlicher ver⸗ ſteht und gebraucht, nachdem man fremde Sprache und Ausdrucks⸗ weiſe erforſcht hat.
**) Seite 113:
Ruhm und Tadel Muß er ertragen lernen. Sich und andre
Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn
Wiegt nicht die Einſamkeit mehr ſchmeichelnd ein.
Es will der Feind— es darf der Freund nicht ſchonen;
Dann übt der Jüngling ſtreitend ſeine Kräfte,
Fühlt was er iſt und fühlt ſich bald ein Mann.


