Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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gen Genuß des Gedichtes, welche ihm den Unwillen über das viele Ändern und langſame Vorrücken einflößt; einen tieferen Grund aber dürfen wir wohl aus einer ſpäteren Stelle(V, 2. S. 228.) herübernehmen, wo er Taſſo warnt durch allzu ſtren⸗ gen Fleiß die liebliche Natur ſeines Gedichtes zu kränken. Daß er Sinn und Empfänglichkeit für den Zauber der Dicht⸗ kunſt hat, mag uns außer jenem Sehnen nach dem Genuß des Gedichtes ebenfalls ein ſpäteres Wort beweiſen(V, 1, S. 221): Wer der Dichtkunſt Stimme nicht vernimmt, iſt ein Barbar, er ſei auch wer er ſei. Der Ungeduld endlich, womit er auf die Vollendung des Werkes harrt, werden wir gern Gerechtigkeit widerfahren laßen, wenn wir die edlen Motive vernehmen, auf welchen dieſelbe beruht:

Dann ſoll das Vaterland, es ſoll die Welt

Erſtaunen, welch ein Werk vollendet worden.

Ich nehme meinen Theil des Ruhms davon,

Und er wird in das Leben eingeführt. Alſo nicht bloß ſich ſelber, ſondern nicht weniger die Perſon des Dichters hat er im Auge. Er iſt nicht allein bemüht den an⸗ geſtammten Ruhm eines Mäcenaten der Dichtkunſt zu behaup⸗ ten, ſondern eben ſo ſehr für das Heil des Dichters beſorgt. Ein edler Menſch kann ſeiner Überzeugung nach einem engen Kreiße nicht ſeine Bildung danken. Vaterland und Welt muß auf ihn wirken.*) Der Jüngling wird nie zum Manne, wenn er nicht in die großen Verhältniſſe der Welt hinaustritt und das Leben von allen Seiten auf ſich wirken läßt. Das Talent ge⸗ deiht freilich am beſten zu originaler Selbſtändigkeit, wenn es ungeſtört und unbeirrt von äußeren Einflüßen dem eignen natur⸗ wüchſigen Triebe überlaßen bleibt; hat es aber dieſe Stufe er⸗ reicht, dann iſt es Zeit, daß es ſich der Einwirkung der großen Welt öffne, nicht allein um neue Nahrung für ſein Wachsthum

*) Vergleiche Göthes erſte Epiſtel: Werke, Band 1, S. 337: Sag ich, wie ich es denke, ſo ſcheint durchaus mir, es bildet Nur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte.