Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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Ich ehre jeden Mann und ſein Verdienſt

Und ich bin gegen Taſſo nur gerecht.

Sein Auge weilt auf dieſer Erde kaum;

Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;

Was die Geſchichte reicht, das Leben gibt,

Sein Buſen nimmt es gleich und willig auf:

Das weit Zerſtreute ſammelt ſein Gemüth

Und ſein Gefühl belebt das Unbelebte.

Oft adelt er was uns gemein erſchien,

Und das Geſchätzte wird vor ihm zu nichts.

In dieſem eignen Zauberkreiſe wandelt

Der wunderbare Mann und zieht uns an

Mit ihm zu wandeln, Theil an ihm zu nehmen:

Er ſcheint ſich uns zu nahn und bleibt uns fern;

Er ſcheint uns anzuſehn, und Geiſter mögen

An unſrer Stelle ſeltſam ihm erſcheinen. Allein bei dieſer idealen Auffaßung beruhigt ſich die Prinzeſſin nicht. Beſtimmter und dringender ihr Ziel verfolgend weiſt ſie auf Taſſos Lieder hin, welche ſämmtlich eine wirkliche perſönliche Liebe des Dichters verriethen. Eleonore bemüht ſich durch Schil⸗ derung der Art und Weiſe, wie Taſſo in allen ſeinen Gedichten ein Phantaſiegebilde verherrliche, einer genaueren Erklärung auszuweichen:

Ich freue mich der ſchönen Blätter auch.

Mit mannigfalt'gem Geiſt verherrlicht er

Ein einzig Bild in allen ſeinen Reimen.

Bald hebt er es in lichter Glorie

Zum Sternenhimmel auf, beugt ſich verehrend

Wie Engel über Wolken vor dem Bilde;

Dann ſchleicht er ihm durch ſtille Fluren nach,

Und jede Blume windet er zum Kranz.

Entfernt ſich die Verehrte, heiligt er

Den Pfad, den leiſ' ihr ſchöner Fuß betrat.

Verſteckt im Buſche, gleich der Nachtigall,

Füllt er aus einem liebekranken Buſen