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Nachdem Göthe auf dieſe Weiſe die Grundlinien beider Charactere mit wenigen, aber Meiſterzügen entworfen hat, läßt er uns im Fortgange des Geſprächs einen Blick in die Bildung und geiſtige Richtung jenes Zeitalters uͤberhaupt thun und ſtellt insbeſondere die Verdienſte des herzoglichen Hauſes um Wißen⸗ ſchaft und Kunſt ins Licht. Wir erfahren, daß Ferrara durch die Hochherzigkeit ſeiner Fürſten die Wiege der Wiſſenſchaften, ein Sammelpunkt der Künſtler und Dichter geworden ſei, und daß Alfons mit ſeinen Schweſtern eine gleiche Anziehungskraft, wie die Vorfahren, auf die größten Geiſter Italiens ausübe. Die Prinzeſſin iſt beſcheiden genug jedes perſönliche Verdienſt von ſich abzulehnen, es genügt ihr an der natürlichen Befähi⸗ gung den Geſprächen kluger Männer über die wichtigſten Gegen⸗ ſtände des menſchlichen Lebens folgen zu können. Nach einer ſo ernſten Unterhaltung, meint Eleonore,
Ruht unſer Ohr und unſer innrer Sinn
Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus,
Der uns die letzten lieblichſten Gefuͤhle
Mit holden Tönen in die Seele flößt.
Dein hoher Geiſt umfaßt ein weites Reich,
Ich halte mich am liebſten auf der Inſel
Der Poeſie in Loorbeerhainen auf. Es iſt nicht zu bezweifeln, daß Eleonore dem Geſpräͤche dieſe Richtung gibt, um die Prinzeſſin auf den Lieblingsgegenſtand ihrer beiderſeitigen Unterhaltung hinzuleiten.*) Die Prinzeſſin benutzt die Form des Ausdrucks, um Eleonore mit zarter Wen⸗ dung anzudeuten, daß ihre Vorliebe für das Land der Poeſie wohl mehr noch der Perſon des Poeten gelte und die Sehnſucht der Gegenliebe in ſich ſchließe. Eleonore dagegen erhebt das Verhäͤltnis ganz in den Ather der Idee:
*) Siehe das Ende dieſer Scene, wo die Prinzeſſin ſagt: Da kommt mein Bruder! Laß uns nicht verrathen Wohin ſich wieder das Geſpräch gelenkt;
Wir würden ſeinen Scherz zu tragen haben———


