Aufsatz 
Über Goethes Torquato Tasso
Entstehung
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2 I. Aect.

1. Scene. Die Eingangsſcene zeigt uns ein gemüthli⸗ ches Stillleben. Auf einem Platze des Schloßgartens, welcher mit den Hermen der epiſchen Dichter Virgil und Arioſto geziert iſt, ſitzen die Prinzeſſin und ihre Freundin Eleonore in ländlicher Tracht und winden unter traulichen Geſprächen Kränze. Die Prinzeſſin flicht den ihrigen auszartem, ſchlankem Loorbeer, Eleonore verfertigt ihrenvollen, frohen⸗Kranz aus bunten Blumen jeder Art. Jene ſchmückt damit das Haupt des ſinnig ernſten Virgil, dieſe ſetzt ihn dem Arioſto mit den bezeichnenden Worten auf:

Er, deſſen Scherze nie verblühen, habe Gleich von dem neuen Frühling ſeinen Theil. Wie klar drückt ſich das Innere Beider im Bilde deſſen ab, was ſie thun! Die Prinzeſſin ſpricht alsdann ihre Freude darüber aus, daß Alfons ſie gleich in den erſten Fruͤhlingstagen nach Belriguardo gebracht habe. Hier hofft ſie entfernt von dem Ge⸗ räuſche der Stadt das Glück der Freundſchaft ſtill zu genießen, hier die erwünſchte Muße zu finden, um ſich ſtundenlang in die goldene Zeit der Dichter zu träumen, und die Natur im Liebreiz ihres jungen Lebens ſoll ihr die Erinnerung an manchen frohen Tag der Jugend zurückführen. Eleonore ergeht ſich allein in der Schilderung der ſchönen Frühlingswelt und der äußeren Ein⸗ drücke der neu erwachten Natur. Sie erfaßt die Natur nur in ihrer unmittelbaren Einwirkung, der Prinzeſſin dagegen iſt ſie die Vermittlerin ihrer Gefühle, gleichſam die Hand, welche geiſtige Stimmen weckt. Wenn an dieſe ſo verſchieden geſtimmten Cha⸗ ractere eine dichteriſche, der äußeren Natur in ihrer Einwirkung verwandte Perſönlichkeit herantritt, wie verſchieden wird ſich das Verhältnis geſtalten? 1*