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Leſen und Verſtehen der Schriftſprache halte ich bezüglich des Bildungswertes für ausſchlaggebend; denn je leichter und fließender der in's praktiſche Leben eintretende junge Mann lieſt und überſetzt, deſto lieber wird er ſich ſpäter mit den fremden Litteraturen beſchäftigen; er wird gern eine fran⸗ zöſiſche Zeitung, einen engliſchen Roman zur Hand nehmen, und ſich ſo immer mehr in die Sprache und den Geiſt der fremden Nation hineinleben. Das Sprechenlernen, ſo nützlich und begehrenswert es auch für's berufliche Leben ſein mag, kommt bei der Frage des bildenden Wertes erſt in letzter Linie in Betracht. Oder würde ein vernünftiger Menſch annehmen, daß ein Kind, das durch Bonnen die eine oder andere Sprache erlernt hat, oder ein Kellner, der mehrere Sprachen beherrſcht, durch dieſe bloße Sprachroutine auch nur im geringſten geiſtig gefördert worden ſei? Mit nichten ſoll damit das Sprechenlernen als etwas Ueberflüſſiges oder Unbedeutendes hingeſtellt werden; im Gegenteil, es ſoll nur auf das Maß zurückgeführt werden, das ihm ſeine Stelle als Bildungsmittel zuweiſt. Es muß ſoweit in den Schulen geübt werden, daß die erſte Scheu des Knaben, ſich des fremden Idioms zu bedienen, überwunden wird, daß er einfache Sätze bilden und verſtehen, und über Ge⸗ leſenes referieren kann. Es wird durch ſolche Üübungen des Schülers Organ geſchmeidiger, ſein Ohr geſchärft, um auch dialektiſche Eigentümlichkeiten in der Mutterſprache herauszufühlen und abzu⸗ legen. Giebt die Schule dem abgehenden Zöglinge eine gute Ausſprache, einige übung im münd⸗ lichen Gebrauch der Sprache, dazu einen reichen Wortſchatz nebſt ſoliden grammatiſchen Kenntniſſen mit auf den Weg, dann kann er ſich gegebenen Falls im Auslande anfangs durchhelfen und in nicht zu langer Friſt eine Fertigkeit im Sprechen erlangen, welche der gediegenſte Schulunterricht, bei ſeiner 4 oder 5 wöchentlichen Stunden, in zumteil kombinierten oder überfüllten Klaſſen unmöglich hätte gewähren können. Zum Schluſſe möge des Ausſpruchs eines Schulmannes über die Bedeutung den modernen Sprachen gedacht werden.„Die Erfahrung“, ſo bemerkt derſelbe,„hat in einem alle Beachtung verdienenden Umfang, an Tauſenden hochgelehrter Männer gelehrt, daß es auch andere Wege zur höchſten geiſtigen Ausbildung giebt, als den durch die Lateinſchule. Von noch weit größerem Gewicht iſt die bemerkenswerte Thatſache, daß ſeit einem halben Jahrhundert, trotz des wachſenden Verfalls der altklaſſiſchen Studien, dennoch nicht nur die allgemeine Bildung ſich in immer weitere Kreiſe verbreitet, ſondern daß insbeſondere die Wiſſenſchaften und deren Anwendung intenſiv und ertenſiv einen ſo ſtaunenswerten Aufſchwung genommen haben, wie ihn die Weltgeſchichte noch nie zu ver⸗ zeichnen hatte. Dabei iſt nicht zu überſehen, daß auch gerade die Sprachgelehrtheit, die Sprach⸗, Geſchichts- und Altertumsforſchung in dieſer Periode keineswegs zurückgeblieben iſt. Dieſe Thatſachen entkräften doch geradezu die Doktrin, daß die altklaſſiſche Bildung die einzig richtige Vorbedingung aller wiſſenſchaftlicher Erfolge ſei“.¹)) Möge der Tag bald erſcheinen, wo die alte und neuere Sprach⸗ wiſſenſchaft, mit gleichen Berechtigungen ausgeſtattet, einen ehrlichen Wettlauf antreten können, um dann, des langen Haders müde und in ſchweſterlicher Liebe ſich die Hand reichend, ihre hohe Aufgabe, die Geiſtes⸗ und Herzensveredlung der deutſchen Jugend voll und ganz zu erfüllen.
¹) Stein a. a. O. p. 97.


