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Aristoteles Universalität mit neuen Lobsprüchen zu erheben, dürfte nach dem vielen Vortrefflichen, was darüber gesagt ist, ein überflüssiges, ja kühnes Unterneh- men scheinen. Aber es ist vielleicht nicht unangemessen, daran zu erinnern, dass wir unter der Universalität nicht die blosse Verbreitung über die verschiedensten Gebiete des Wissens zu verstehen haben. Es könnte das eine Vielseitigkeit sein, die der Be- handlung der Wissenschaft im Ganzen und Grossen wenig Gewinn brächte. Talent und Fleiss des Mannes wären freilich zu bewundern, der die sonst getrennten Aufgaben allein übernähme und glücklich löste, aber trotzdem könnte man meinen, eine Mehrheit einzelner nicht so vielseitiger Forscher hätte für die Wissenschaft dasselbe leisten kön- nen. Wahre Universalität werden wir nur dem zuerkennen dürfen, der die einzelnen Wissenschaften nicht als zerstreute Theile, sondern als Glieder eines Ganzen behandelt hat, und das ist es eben, was wir an Aristoteles bewundern. So tief er sich auch in die entlegensten Gebiete versenken mag, so fern sich auch die einzelnen Disciplinen liegen, denen sich seine Forschung zugewandt hat, nirgends wird der Zusammenhang mit der gesammten Weltanschauung aufgegeben, ein und dieselbe Grundrichtung leitet immer die Untersuchung. So können die einzelnen Wissenschaften nicht mit einander in Widerspruch gerathen, es kann nicht in einem Fache etwas gelten, was in dem andern bekämpft wird, können auch nicht, wie es selbst bei sehr hervorragenden Philosophen geschehen ist, bedeutende Untersuchungen ganz ausser dem System stehen. Es ist nicht bloss die allgemeine Einheit der wissenschaftlichen Methode, welche die einzel- nen Theile mit einander verknüpft, sondern vor allem die Zweckidee, welche die Grundanschauung, die Richtung seiner Forschung überall bestimmt. So werden auch in der Ethik die Grundsätze, dass das höchste Gut mit dem Zweck zusammenfalle, dass der Zweck in der eigenthümlichen Natur des Gegenstandes wurzele und sich daraus näher bestimme, dass er sich vollende in der Thätigkeit, nicht aus allge- meinen Gründen erwiesen, sondern aus der gesammten philosophischen Anschauung zunächst vorausgesetzt. Derjenige also, der sich mit der Aristotelischen Philosophie beschäftigt, wird, ganz abgesehen von der Frage, wie er sich persönlich zu einer durch den inwohnenden Zweck bestimmten Auffassung der Welt stellt, nur dann das Einzelne richtig würdigen können, wenn er es aus der Richtung des Ganzen
heraus versteht; andererseits wird ihn auch jenes wieder veranlassen, den Blick auf


